Politik : Kohl und der Bimbes (Leitartikel)

Stephan-Andreas Casdorff

Die CDU ist erschüttert, und zwar bis ins Mark. Eben noch war die Partei der strahlende Sieger bei allen Landtagswahlen des Jahres. Ihre 630 000 Mitglieder gaben sich der Hoffnung hin, dass die große Wahl im September 1998, die Abwahl, doch nur ein kleiner Irrtum des Wahlvolks gewesen sei: Ja, besinnt es sich? Korrigiert der Wähler das Ergebnis nicht beständig? Nur mühselig hat die neue Führung die daraus erwachsende Euphorie in den Griff bekommen - und nun das: die Spendenaffäre. Sie zieht immer weitere Kreise. Sie hat Helmut Kohl erreicht.

Kohl und "Bimbes", wie er Geld in seiner pfälzischen Art nennt, das ist eine eigene Geschichte. Immer hat der Altkanzler und CDU-Ehrenvorsitzende betont, dass man ihm eines nicht vorwerfen könne: einen Mangel an Ehrenhaftigkeit in diesen Dingen. So hat er es in der Flick-Parteispendenaffäre der achtziger Jahre schon gesagt, als das angezweifelt wurde, und auch später immer wieder. Alle Ungereimtheiten, die offenbar wurden, waren nicht seine. Und wahr ist: Kohl, der Kanzler, hat selbst Briefmarken für seine Schreiben als CDU-Bundesvorsitzender separat abgerechnet. Er hat Parteiangelegenheiten von Staatsgeschäften getrennt, nicht zuletzt im Wahlkampf. Als einer seiner Söhne in Bologna verunglückte und seine Frau mit einem Staatsflugzeug dorthin flog, hat Kohl die Kosten getragen. Auch das war Teil seines Rufs in der CDU.

Aber jetzt geht es um mehr als Ehre. Kohls CDU, über Jahrzehnte seine Partei, soll unter Umständen, die konspirativ und verdächtig wirken, Geld erhalten haben - Geld, das staatliche Entscheidungen belohnte. Solches Geld stinkt, keine Frage, und auch Kohl kommt in einen üblen Ruch. Er verteidigt sich vehement, was insofern verständlich ist, als es um seinen Ruf geht, sein Ansehen, seine Bedeutung über den Tag hinaus: Ist es vorstellbar, dass Kanzler Kohl Staat gemacht hat, um "Bimbes" einzusacken, nicht für sich selber - was ihm ohnehin niemand vorwirft -, aber für die Partei? Dass er den Staat gleichsam eingetauscht hat gegen Millionen? Wegen Waffen für die Saudis und dem Verkauf der ostdeutschen Minol an die Franzosen? Das wäre dumm, geradezu töricht, unvorstellbar.

Vorstellbar ist allerdings, dass Kohl - von dem so viele sagen, er habe immer alles gewusst und mit einem eigenen "System" des Belohnens und Strafens bis ins Kleinste geherrscht -, dass also der Alleswisser Kohl in Sachen Geld für die CDU nicht genau hingeschaut hat. Um nichts wissen zu müssen. Von Amts wegen. Vorstellbar ist, dass sich Kohl als CDU-Chef um das Geld in der Parteikasse sorgte. Und dass er bei Gelegenheit seine weitgefächerten Beziehungen spielen ließ - aber seiner Art gemäß alles weitere den Zuständigen überließ. Kohls Einlassungen sind detailliert im Großen, bei Aussagen zu Staatsgeschäften, wegwerfend, was das Geschäftsgebaren in der Partei betrifft. Vorhaltungen weist er als "Denunziation" von sich. Genau das geht nicht. Das entspricht nicht seiner damaligen Verantwortung. Ihm geht es zuerst um seinen Ruf, sein Ansehen, zu wenig um die Partei.

Die CDU denkt, die rot-grüne Regierung habe schon abgewirtschaftet. Sie denkt, jetzt werde das Wahlergebnis vom September 1998 revidiert. Kohl denkt es auch. Auf sich bezogen. Wenn bald im Bund wieder Wahlen wären, weil Gerhard Schröder als Kanzler "versagt", wie Kohl sagt, dann würde den Altkanzler schon reizen, es dem Jungkanzler noch einmal zu zeigen. So vehement, wie Kohl sich öffentlich äußert, so selbstgewiss, wie er nicht-öffentlich spricht ... Als ginge es ihm um mehr.

Nun mag er mehr wollen - die Partei will das nicht. Sie will Kohl als Ikone, will seinen Mythos pflegen, damit er ihr nützt. Dann müsste er aber umso mehr dafür Sorge tragen, dass auch an der CDU kein Makel haften bleibt. Dafür müssen die Verdächtigungen in der Spendenaffäre widerlegt werden. Von Kohl genauso wie von der Partei. Die CDU kann nicht darauf bauen, dass die SPD sie mit ihren Affären, mit der um Gerhard Glogowski oder um Bodo Hombach, entlastet. Die CDU kann sich nur selbst entlasten; wenn sie es kann. Das muss ihre Führung leisten. Sonst verlieren die Wähler, aber auch die 630 000 Mitglieder den Glauben, die Union habe den Sieg verdient.

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