Politik : Kohl und die CDU: Vorwärts und nichts vergessen (Leitartikel)

Stephan-Andreas Casdorff

Helmut Kohl, der am längsten als CDU-Bundesvorsitzender amtiert hat, der ihr die größten Erfolge bescherte - er lässt die Partei einfach nicht los. Im Gegenteil, je mehr er in Bedrängnis gerät, desto mehr zieht er sie wieder an sich, in sein altes Geflecht aus Macht, Intrige, Belohnung, Bedrohung und erdrückender Nähe. Was will Kohl? Soll seine "Heimat" in dem Beben untergehen, das sein Fall auslösen würde?

Es scheint, als könne sich die CDU wirklich nicht von ihm lösen. Das klingt widersinnig: Angela Merkel ist - nach Wolfgang Schäuble - ins Amt der Vorsitzenden gewählt worden, eben weil sie Distanz versprach, in ihrem Verhalten sogar verkörperte. Die Delegierten der Regionalkonferenzen hatten ihr den Weg bereitet: Sie sollte die schlechten Seiten Kohls von der CDU trennen und sich mitsamt der Partei in dieser Hinsicht vom Übervater absetzen.

Das klingt widersinnig - und ist es doch nicht. Denn eines ist Angela Merkel gelungen: Die CDU hat begonnen, den Affärenkanzler von dem Alt- und Einheitskanzler abzulösen. Die CDU sieht ihn in ihrer Mehrheit als das, was er auch immer war: der Kanzler der Einheit, der viermalige Wahlsieger. Alles andere tritt zurück, umso mehr, als der 3. Oktober naht und mit ihm die Zehn-Jahres-Feier der Einheit. Wenn schon die Feier zur deutsch-deutschen Währungsunion zu einer Verbeugung vor Kohl geriet, lässt das ahnen, was das historisch gesehen noch wichtigere Datum wohl bringt. Hier wird das Dilemma dann endgültig klar: dass die Vorwürfe gegen Helmut Kohl nicht in Ruhe verjähren können, weil die Zeit drängt.

In der Bundestagsfraktion, aber auch in der Partei ist eine Renaissance von Kohl zu beobachten, seine Art, Menschen in die Gefolgschaft zu verstricken, funktioniert wieder - paradoxerweise gerade weil die CDU sich in einer von Kohl verursachten schwierigen Lage befindet. Er, der die Macht nicht aus den Händen geben wollte, hat der CDU ja nicht nur große Erfolge, sondern auch ihre bitterste Niederlage beigebracht: bei der Wahl 1998. Und als sie sich gerade davon zu erholen schien, kam die Spendenaffäre. In Kohls Welt hilft bis heute bei solchen - aus seiner Sicht - widrigen Umständen nur, sich noch fester zusammenzuschließen, sich abzschotten gegen Einflüsse von außen wie desaströse Umfrage-Ergebnisse.

Seine isolierte Wirklichkeit ist oft beschrieben worden. Kohl hat die Kraft zur Autosuggestion, und er entwickelt daraus immer noch die Macht zur Suggestion. In dieser Lage ist die CDU anfällig dafür, mit dem alten Reflex zu reagieren: ihm zu folgen. Er schafft gerade, wie früher, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, indem er davon spricht, die "Sozen" wollten die Union vernichten. Sofort wird ihm sekundiert, weil das alte Bewusstsein weiter funktioniert: die CDU als Familie, seine Familie, nicht als Partei.

Die Renaissance dieses Kohlschen Gemütsterrors kann es nur geben, weil seine Nachfolger schwach sind. Angela Merkel und Friedrich Merz kämpfen noch immer mit der Einschätzung, dass sie ihren Ämtern an der Spitze von Partei und Fraktion vielleicht doch nicht gewachsen sind. Sie haben sich in den zurückliegenden Monaten sehr, zu sehr darum bemühen müssen, überhaupt als Amtsinhaber anerkannt zu werden. Nun zeigt sich, dass auch das bis heute nicht gelungen ist. Nicht, wenn gegen sie jemand steht, der gerade jetzt an die besten Zeiten der CDU erinnert und Merkel wie Merz nicht als Autoritäten anerkennt. Nicht, wenn einer wie Kohl, mit dieser Härte und diesem Machtinstinkt, sich die Partei wieder einverleibt. Deshalb ist sein Terminkalender 2000 jetzt in Öffentlichkeit: um zu zeigen, dass er noch immer mitten in der CDU steht.

Fraktion und Partei stellen sich in ihrer Mehrheit dieser Tage zu ihm, weil sie die vermisste Wärme suchen. Hier wirken die Jahrzehnte nach. Doch zeigt sich daran der andere Teil des Dilemmas: Die neue CDU-Führung kann nicht abgehen vom Versuch einer Loslösung von Kohl, wenn es eine Zeit nach ihm geben soll. Und wer als Christdemokrat jetzt Kohl folgt statt der neuen Führung, der untergräbt deren Autorität und verhindert einen Neuanfang. Was alle vereinen könnte? Nur dieser Grundsatz: Wir werden Helmut Kohl nichts vergessen. Im Schlechten wie im Guten.

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