Politik : Kohl will Blick nun auf Europa richten

Bundeskanzler appelliert zum Tag der Einheit an die Deutschen - Bürgerfest in Stuttgart und bunter Umzug in Berlin STUTTGART/BERLIN (dpa/AFP/AP).Am siebten Jahrestag der Deutschen Einheit hat Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) eindringlich an alle Deutschen appelliert, jetzt ihre ganze Kraft auf ein vereintes Europa zu richten.Im eigenen Land bleiben die wichtigsten Ziele nach Auffassung von Politikern aller Parteien aus Ost und West der Abbau der Massenarbeitslosigkeit und die Vollendung der inneren Einheit. Während in der Stuttgarter Innenstadt Zehntausende ein Bürgerfest feierten, begleiteten rund 250.000 Menschen in Berlin einen drei Kilometer langen Umzug, mit dem sich die 16 Bundesländer am Tag der Deutschen Einheit traditionell in der Hauptstadt präsentieren.Die zentrale Feier findet jeweils in dem Bundesland statt, das den Vorsitz im Bundesrat innehat.Kohl sagte, viele Menschen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa verbänden ihre Hoffnungen auf ein vereintes Europa ganz besonders mit Deutschland. Der Kanzler und Baden-Württembergs Ministerpräsident Teufel (CDU) sicherten den Ostdeutschen in Stuttgart zu, daß sie auch weiterhin auf Hilfe aus dem Westen zählen könnten.Kohl zollte in seiner Rede in Stuttgart den Ostdeutschen Anerkennung für den Einsatz, mit dem sie ihre Heimat aufbauten."Der Weg, den wir gemeinsam - die Deutschen in Ost und West - in den vergangenen Jahren zurückgelegt haben, war schwierig", sagte Kohl."Vieles ist mühseliger und langwieriger, als wir alle gedacht haben." Der weitere Aufbau Ost werde auch in den nächsten Jahren noch enorme Kraftanstrengungen erforderlich machen."Wir sind auf dem Weg", sagte Kohl."Aber wir haben das Ziel noch keineswegs erreicht." Er wünsche sich mehr Bereitschaft von den Deutschen in Ost und West, sich mit den Erfahrungen des jeweils anderen einfühlsam auseinanderzusetzen."Davon sind wir noch ein gutes Stück entfernt", stellte er fest.Dennoch habe er "die feste Gewißheit, daß sich die Deutschen in Ost und West bei aller Unterschiedlichkeit viel näher sind, als viele glauben". Am Abend sagte Kohl auf einer Veranstaltung in Berlin zur Rolle der neuen Bundeshauptstadt, nirgendwo sonst werde so deutlich wie in Berlin, vor welchen Aufgaben Deutschland stehe.Wie kein anderer Ort sei Berlin sowohl mit der deutschen Teilung als auch der deutschen Einheit verbunden. Kohl und Teufel dankten dem ehemaligen US-Präsidenten Bush für seine Unterstützung für die Wiedervereinigung und hoben die Rolle des früheren sowjetischen Staats- und Parteichefs Gorbatschow hervor, ohne den es keine deutsche Einheit gegeben hätte.Berlins Regierender Bürgermeister Diepgen (CDU) erinnerte an den Jubel und das Gefühl des inneren Zusammenhalts beim Mauerfall am 9.November 1989.Die meisten Menschen spürten dies noch immer, sagte er.Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thierse bezeichnete die Einheit als "eine Mischung aus Erfolgen und Enttäuschungen".Er zählte zu den Erfolgen, daß mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Osten überzeugt sei, die Lebenssituation habe sich verbessert.Die größten Enttäuschungen seien die immer noch wachsende Arbeitslosigkeit und der Mangel an Ausbildungsplätzen.Der FDP-Vorsitzende Gerhardt sagte, die größte Errungenschaft der Einheit Deutschlands sei die Freiheit."Daß heute niemand mehr als politischer Gefangener in Bautzen einsitzt, ist der Grund, warum wir die deutsche Einheit trotz aller wirtschaftlichen Probleme mit Freude begehen", sagte er.

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