Kolumbien : Die Stimmen der Verschwundenen

Das Verschwindenlassen von Menschen ist ein wirksames Instrument des Terrors, und es funktioniert auf der ganzen Welt. In Kolumbien kämpfte Pilar Navarrete 23 Jahre lang um eine Nachricht von ihrem Mann – stattdessen bekam sie ein Urteil.

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Schemenhaft. Bis heute, sagen Menschenrechtler, verschwinden in Kolumbien jeden Tag Menschen. So wie Jaime Beltran, der 1985 dort verschwand, wo heute der neue Justizpalast steht.
Schemenhaft. Bis heute, sagen Menschenrechtler, verschwinden in Kolumbien jeden Tag Menschen. So wie Jaime Beltran, der 1985 dort...Foto: Frank Tophoven/laif

Pilar Navarrete war 20 Jahre alt und frisch verheiratet, als ihr Ehemann verschwand. Verschwunden wurde, wie es im kolumbianischen Spanisch heißt, das für dieses gewaltsame Phänomen eigene Begriffe entwickelt hat.

Der Tag, an dem Jaime Beltran das kleine, einstöckige Haus im Süden Bogotás verließ und nicht mehr wiederkam, war kein beliebiger Tag. Es war der 6. November 1985, ein sonniger Mittwoch, der sich unauslöschlich in die Erinnerung von Pilar Navarrete eingebrannt hat – und auch in das kollektive Gedächtnis des ganzen Landes.

Kolumbiens politisches Herz, der Bolívar-Platz im Zentrum der von den Anden umgebenen Hauptstadt, wird an diesem Tag Schauplatz einer Schlacht. Eine Guerillagruppe besetzt den Justizpalast, um gegen den schleppenden Verlauf der Friedensgespräche zwischen Guerilla und Regierung zu protestieren. Sie nimmt Geiseln, um die Regierung zur Verhandlung zu zwingen, und die Armee schießt als Antwort den Palast in Brand. Es war eine unverhältnismäßig brutale Reaktion, wie es heute selbst von offizieller Seite heißt. Mehr als 100 Menschen sterben. Pilar Navarretes Mann, der als Kellner in der Cafeteria des Palasts gearbeitet hat, ist nicht unter den Toten. Sie wird ihn dennoch nie mehr finden.

Jaime Beltran ist einer von mehr als 57 000 Menschen, die heute in Kolumbien vermisst werden. Etwa 50 000 von ihnen, schätzen Menschenrechtsorganisationen, werden gewaltsam daran gehindert, nach Hause zurückzukehren – weit mehr als während der argentinischen Militärdiktatur. Wahrscheinlich wurden die Verschwundenen verschleppt, wahrscheinlich gequält. Wahrscheinlich getötet. Das Verschwindenlassen von unliebsamen Bürgern wird weltweit eingesetzt, wo immer Menschen eingeschüchtert und mundtot gemacht werden sollen, es ist ein wirksames Instrument des Terrors. In Argentinien sind die Zeiten inzwischen überwunden, in Kolumbien sind die Zahlen rückläufig, doch in den nordafrikanischen Ländern werden die Diktaturen gerade erst abgeschüttelt. Dort steht den Menschen noch bevor, was Frauen wie Pilar Navarrete hinter sich haben: die Suche nach den vermissten Angehörigen, nach Antworten, nach Gewissheit – und nach einem Ort zum Trauern.

In Kolumbien haben die Suchenden sich damals organisiert, um mehr Gewicht zu bekommen. Und weil die Mehrheit der Verschwundenen Männer sind, kämpfen vor allem Frauen.

Pilar Navarrete ist heute 46 Jahre alt, sie hat noch immer tiefschwarze Haare, die von einer blauen Plastikspange zusammengehalten werden, und ein offenes Lachen, von dem sie sagt, sie habe es sich nicht austreiben lassen. Sie lebt in der Nähe ihres damaligen Hauses, in einem Arbeiterviertel aus rotem Backstein, wo die Acht-Millionen-Einwohner-Metropole Bogotá ruhigen, fast dörflichen Charakter hat. In einem Regal im Wohnzimmer steht neben Fotos der erwachsenen Töchter von Navarrete und Jaime Beltran das Bild eines lachenden jungen Mannes mit dunklen Locken, in 80er-Jahre-Trainingshose, ein Baby auf dem Arm. Beltran war 28, als er verschwand. Er las Groschenromane über Cowboys, er zeichnete gern und spielte Fußball. Ob er politisch war? „Das haben sie auch gefragt“, sagt Navarrete und trommelt mit den Fingern auf den Tisch, das Militär, die Polizei. Als ob er zur Guerilla gehört hätte. Und als ob dadurch gerechtfertigt wäre, dass einer einfach so nicht mehr auftaucht.

Wonach nicht gefragt wurde, sagt Pilar Navarrete, waren Augenfarbe oder Kleidung. Jaime Beltran zu suchen und zu finden – darum ging es nicht.

Wie Pilar Navarrete trotz Morddrohungen weiter sucht, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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