Kolumbien-Experte : "Betancourts Befreiung hat auch eine unerfreuliche Seite"

Sechs lange Jahre war sie Geisel der Guerilla-Miliz Farc. Jetzt ist die kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt überraschend freigekommen. Für ihr Land wird das nicht ohne Folgen bleiben. Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Raul Zelik.

Achim Fehrenbach
Raul Zelik
Raul Zelik. -Foto: Promo

Wie konnten sich die Farc so austricksen lassen?



Es ist davon auszugehen, dass das Kommunikationsnetz der Farc seit den letzten Militärschlägen gegen ihr Generalsekretariat nicht mehr richtig funktionierte. Zwei wichtige Führer der Farc wurden getötet, es ist nicht klar, was für Unterlagen dabei in die Hände des kolumbianischen Militärs gelangten. Die Guerilla wird im Moment nicht genau wissen, wo die undichten Stellen sind.

Was im Hintergrund der Geiselbefreiung so alles stattgefunden hat, ob die Farc die Geiseln vielleicht ohnehin gerade freilassen wollten - immerhin waren wieder europäische Vermittler im Land -, ist im Moment schwer zu sagen. Die Darstellung der Ereignisse in den kolumbianischen Medien ist offensichtlich geheimdienstlich gefiltert und deswegen mit Vorsicht zu genießen. Erfreulich ist auf jeden Fall, dass niemand ums Leben kam. Die Geiselbefreiung war nicht nur spektakulär, sondern auch militärwissenschaftlich interessant. In mancher Hinsicht war sie die Kopie einer Guerilla-Aktion aus dem Jahr 2002. Damals entführten die Farc elf Abgeordnete der Regionalversammlung Valle de Cauca in der Stadt Cali. Die Guerilleros gaben sich als Militärs aus und behaupteten, sie müssten das Gebäude evakuieren. Etwas Ähnliches haben jetzt die Streitkräfte im Fall Betancourt gemacht.

Was bedeutet der Verlust der Geisel Betancourt für die Farc?

Mit der Geiselbefreiung setzt sich nun in Kolumbien die Überzeugung durch, dass ein militärischer Sieg über die Guerilla doch möglich ist. Auch die Bereitschaft der Regierung, bei Verhandlungen mit der Guerilla Zugeständnisse zu machen, dürfte nun sehr viel geringer sein als zuvor. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Farc mit den Geiseln noch einen politischen Erfolg erzielen kann, ist stark geschwunden. Noch schwerwiegender für die Farc dürfte aber das interne Misstrauen gegenüber Verrätern sein.

Was bedeutet die Befreiung Betancourts für Kolumbien?

Die erfreuliche Nachricht hat auch eine unerfreuliche Seite. Die Regierung Uribe wird deutlich gestärkt, dabei hat sie skandalöse Zustände zu verantworten. 2002 ist Uribe mit gefälschten Stimmen an die Macht gekommen. Seine Wiederwahl 2006 ist kürzlich vom Obersten Gerichtshof für ungültig erklärt worden, weil die vorausgehende Parlamentsentscheidung durch Bestechungszahlungen ermöglicht wurde. Uribe hat sich über die Entscheidung des Gerichts hinweggesetzt und es öffentlich angegriffen. Probleme hat Uribe auch mit seiner Regierungskoalition. 50 Abgeordnete der Koalition haben mit den rechten Paramilitärs und ihren Todesschwadronen Bündnisse gebildet und wurden deswegen verhaftet. Wenn all diese Skandale durch die Geiselbefreiung unsichtbar gemacht werden, dann ist das natürlich sehr bedenklich.

Wird Uribe aus der Geiselbefreiung langfristig politisches Kapital schlagen können - oder werden ihn seine Skandale doch noch einholen?

Die Medienlandschaft wird vom Regierungslager kontrolliert. Die einzig wichtige landesweite Tageszeitung El Tiempo gehört der Familie des Vize-Präsidenten Francisco Santos. Man muss also davon ausgehen, dass es tatsächlich gelingt, diese Skandale völlig vergessen zu machen.

Bedauerlicherweise hat Ingrid Betancourt gleich nach ihrer Befreiung in den Regierungs-Chor mit eingestimmt. Sie hat gesagt, dass sie eine Wiederwahl Uribes begrüßen würde. Man kann natürlich verstehen, dass Betancourt für ihre Befreiung dankbar ist. Aber man darf auch nicht vergessen, dass es hunderttausende Menschenrechtsverletzungen gegeben hat, die auf das Konto von Uribes Verbündeten gehen: der rechten Oberschicht und der mit ihnen verbündeten Todesschwadronen.

Welche Rolle wird Betancourt in der Politik Kolumbiens künftig spielen?

Es ist schwierig, Ingrid Betancourt im politischen Spektrum Kolumbiens zu verorten. Vor ihrer Entführung gehörte sie einer sehr kleinen Umweltpartei an und war nicht wirklich eine Figur des öffentlichen Lebens. Erst durch die Entführung ist sie in diese Position aufgestiegen.

Allerdings ist Betancourts aktuelle Haltung vor dem Hintergrund verständlich, dass sie von der Guerilla offenbar ausgesprochen unmenschlich behandelt worden ist. Die Geiselnehmer scheinen sich wirklich fürchterlich verhalten zu haben - die Entführten musste beispielsweise Eisenketten tragen. Es wäre also durchaus verständlich, wenn Betancourt sich für eine militärische Lösung des Guerilla-Problems ausspräche. Ich bin weit davon entfernt, Betancourt zu kritisieren. Ich denke allerdings, dass wir - von außen betrachtet - der Regierung Uribe gegenüber skeptischer sein und uns klar machen müssen, dass auch der Kriegsakteur Uribe fürchterliche Verbrechen zu verantworten hat.

Wird Ingrid Betancourt wieder in die kolumbianische Politik einsteigen?

In den kolumbianischen Medien wurde viel darüber spekuliert, dass sie die Präsidentschaftskandidatur anstreben könnte. Jetzt aber hat sie erst mal Uribe ihre Unterstützung zugesagt.

Raul Zelik ist Schriftsteller, Politikwissenschaftler und Lateinamerika-Experte. Seit 1985 regelmäßig in Kolumbien und Venezuela. Veröffentlichte zuletzt den Roman "Der bewaffnete Freund" (Blumenbar-Verlag).

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