Kolumne: Ein Stück vom Leben : Ohne Netz völlig aufgeschmissen

Erziehungs-Apps sollen Eltern helfen - dabei sind sie nur ein weiterer Beleg dafür, dass der Mensch sich nicht mehr selbst vertraut. Ein Kommentar.

Hilfe, das Kind schreit? Die App weiß bestimmt Rat. Oder nicht.
Hilfe, das Kind schreit? Die App weiß bestimmt Rat. Oder nicht.Foto: imago/Westend61

Gestern hatte das Kind einen schlechten Schultag. Wie reagieren? Schnell wird das Smartphone gezückt, der Vorschlag der „ErziehungsApp für Eltern“: Die Eltern sollen nicht wie „üblich“ sagen, „Du musst dich mehr anstrengen“, sondern fragen: „Wie verhältst du dich morgen in der Schule, damit du zufriedener nach Hause kommst?“

Das Smartphone übernimmt jetzt also auch die Erziehung – es gibt etliche Apps, die versprechen, beim Großkriegen der Kleinen zu helfen. „Best of Parenting“ etwa empfiehlt bei Wutausbrüchen der Kinder, Verständnis zu zeigen und zu sagen: „Ich habe dich gehört.“

Im harten Erziehungsalltag angewandt, dürfte das Verwenden dieser Apps zu ziemlich absurden Situationen führen: Das Kind muss mit seinen Problemen kurz warten, während die Eltern auf dem Bildschirm wischend hektisch die Lösung suchen. Und sind die Tipps dann wirklich smarter als die Intuition der Eltern?

Es geht um nichts Geringeres als Charakterbildung - das soll eine App machen?

Das Smartphone hat bereits einen riesigen Stellenwert in unserer Gesellschaft – und innerhalb der Familien. Was man nicht weiß, wird gegoogelt. Findet man sich nicht zurecht, bringen einen digitale Landkarten zum Ziel. Über Apps wie „Wunderlist“ erstellen Paare gemeinsame Einkaufslisten. Das ist Alltag. Einen letzten Rückzugsort hätte man sich in der intimen Beziehung zwischen Eltern und Kind gewünscht: Hier entscheidet sich schließlich zum Großteil die Charakterbildung eines Menschen.

Nichts spricht dagegen, dass sich Eltern Rat holen – in Buchform, durch menschliche Beratung oder eben per App. In der Live-Interaktion mit dem Kind aber kann das gruselig werden: Eine Autorin des „Wired“-Magazins testete die App „Muse“, eine künstliche Intelligenz, die Mutter und Sohn „beobachtete“. Beim Vorlesen etwa hörte sie zu und forderte die Mutter dann auf, den Sohn zu fragen, wie er sich in der Situation des Protagonisten im Kinderbuch verhalten würde. Das ausgewiesene Ziel des App-Anbieters sei es, „mit Technologie bessere Menschen zu erschaffen“, heißt es in dem Artikel.

Erziehungs-Apps sind ein weiterer Beleg dafür, dass der Mensch sich selbst nicht mehr vertraut. Es ist verständlich, dass Eltern zur Zielgruppe werden – beschreiben sie doch oft genug das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Erziehungsfragen sind schwierige Fragen. Mit den Apps werden sie ausgelagert. Es lebe die Technik! Doch am Ende sind gerade die unsicheren Eltern womöglich noch hilfloser – wenn sie mal kein Netz haben.

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