Kolumne "Ein Zwischenruf" : Den Westen gibt es nur mit tabuloser Meinungsfreiheit

Auch konservative Muslime müssen nun bekennen: "Je suis Charlie" - sonst machen sie sich unbewusst gemein mit den Mördern von Paris, meint unsere Kolumnistin.

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Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.Foto: dpa

Nach den blutigen Tagen in Frankreich, wo insgesamt 17 Menschen von Islamisten ermordet wurden, darunter zwölf Mitarbeiter des Satireblattes „Charlie Hebdo“, und weitere schwer verletzt wurden, wird zwischen Nichtmuslimen und Muslimen in Europa wenig so sein, wie es vorher war. Eine Richtung, die brandgefährliche, könnte wohl so aussehen: Gewalttätige Muslime werden berauscht sein vom Gelingen des Massakers und den öffentlichen Reaktionen, und es spielt ihnen in die Hände, wenn die Rufe nach mehr Überzeugungen à la „Pegida“ schriller und lauter werden und die Unterstützung sichtbar und stimmungsmäßig wächst. Mehr Ablehnung bedeutet mehr Misstrauen. Eine teuflische Kalkulation der Täter. Ihren eigenen unmenschlichen Beitrag zu solchen Haltungen verdrängen sie. Was sich dann verbreiten lässt, ist, dass ihre Prophezeiungen sich erfüllt haben über den verkommenen, gottlosen, islamfeindlichen Westen.

Nach den Anschlägen von Paris müssen die Muslime sich bedingungslos zu den westlichen Werten bekennen

Die andere Richtung ist viel unwahrscheinlicher, doch sie wäre ein Ausweg, wie wir gemeinsam mit den islamischen Einwanderern dem Irrtum widerstehen können, die westlichen Werte durch Ausgrenzung von Muslimen zu verteidigen. In Berlin leben etwa dreihunderttausend Islamangehörige. Um die fünfzehn Prozent praktizieren ihren Glauben; aber auch die Kulturmuslime fühlen sich dem Islam verbunden. Wie sich die allermeisten wohl jetzt fühlen mit dieser erneuten Horrornachricht, nachdem schon wochenlang über die Barbarei des IS (Islamischer Staat) berichtet wurde? Völlig erschüttert, wie in den eiligen Presseerklärungen der Islamverbände zu lesen ist. Aber im Vieraugengespräch zeigen sich dennoch einige Funktionäre empört, wie man sie, die friedlichen Demokraten, überhaupt mit diesen Terroristen in Verbindung bringen kann. Da ist was dran, also keine Gegenempörung. Auch dann nicht, wenn sie über Schwule herziehen oder Karikaturen des Propheten ablehnen? Das kommt darauf an. Doch eines ist ihnen (wie den Nichtmuslimen) abzuverlangen, wie konservativ sie auch sein mögen: Die westliche Freiheit und Demokratie, die wir hier alle genießen, gibt es nur durch die tabulose Meinungsfreiheit und Kritik. Wer nach der Ermordung der Charlie-Mannschaft nicht sinngemäß bekennen kann: „Je suis Charlie“, der macht sich unbewusst gemein mit den Mördern.

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