Politik : "Komische Alte" mit Charakter und Herz

Brigitte Mira, die am Dienstag im Alter von 94 Jahren in Berlin gestorben ist, war eine der letzten "Komischen Alten" in der Schauspielerwelt - und wohl die letzte große Berliner Volksschauspielerin.

Berlin (08.03.2005, 19:10 Uhr) - Brigitte Mira war in früheren Jahren «Soubrette vom Dienst» und Kabarettistin, später Charakterdarstellerin bei Rainer Werner Fassbinder und als eine der «Damen vom Grill» auch eine populäre Fernsehschauspielerin. Die Berliner hatten sie als «Biggy» in ihr Herz geschlossen, weil sie kein Blatt vor den Mund nahm und bis zuletzt ihren Humor nicht verlor, gepaart mit einem Schuss Sentimentalität.

«Ja, es war ein wunderschönes Leben mit vielen wunderbaren Rollen, vom Schwank bis zur Tragödie», bilanzierte sie 2004 im hohen Alter in ihrem Stammlokal nahe dem Kurfürstendamm. Und nahm neue Rollen an. «Das alte Zirkuspferd kann's nicht lassen, will's auch nicht», meinte sie trotzig. In ihren letzten Jahren trat sie in Kleinkunstbühnen zusammen mit den inzwischen verstorbenen Kolleginnen und Freundinnen Helen Vita und Evelyn Künneke in einer Show mit dem selbstbewusst- ironischen Titel «Drei alte Schachteln» auf, musste dabei allerdings wegen ihrer angegriffenen Gesundheit immer öfter pausieren. Sie überlebte aber beide Freundinnen - Vita starb im Februar 2001, Künneke bald danach Ende April 2001 im Alter von 79 Jahren.

Noch 2004 spielte sie in der ARD-Serie «In aller Freundschaft» eine 85-jährige an Alzheimer erkrankte Mutter. Bis zuletzt spielte sie alljährlich im Herbst in den «Jedermann»-Aufführungen im Berliner Dom mit, im vergangenen Jahr musste sie die Proben allerdings nach einem Schwächeanfall abbrechen. Im Februar 2003 trat sie in Thomas Gottschalks ZDF-Sendung «Wetten, dass...?» auf und schäkerte mit Hollywood-Star Peter Falk.

Wenige Monate später dann stürzte Mira im April 2003 unglücklich in ihrer Wohnung und musste mit einer Kopfplatzwunde in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Es war ihr Herz, das immer unruhiger schlug, so dass ihr schließlich im August 2003 ein Herzschrittmacher eingesetzt werden musste. «Ich dachte, es geht zu Ende», erinnerte sie sich später. Auch um ihre Sehkraft musste sie zuletzt fürchten.

Als eine der drei «Damen vom Grill» wurde Brigitte Mira den meisten Fernsehzuschauern als Ur-Berlinerin bekannt. Doch geboren wurde die kleine rothaarige Schauspielerin mit der großen Klappe in Hamburg am 20. April 1910, wuchs aber in Düsseldorf auf. Lange Zeit mogelte sie sich um einige Jährchen herum, wenn es um ihr «öffentliches Alter» ging, wie es anerkannter Brauch unter den weiblichen Angehörigen des Schauspielberufes ist (wie es zum Beispiel Berta Drews, Marlene Dietrich und Marianne Hoppe praktizierten).

Die Karriere der quirligen Frau begann damit, dass sie sich dem Wunsch ihres Vaters, Musikpädagogin zu werden, widersetzte. «Biggy» wollte lieber tanzen und begann eine Gesangs- und Ballettausbildung. Bereits als 15-Jährige holte sie Franz Lehar zur Erstaufführung seiner Operette «Giuditta» nach Hamburg. Als Soubrette sang sie nach dem Krieg unter anderem bei Walter Felsenstein in Ost- und West- Berliner Theatern wie an der Komischen Oper oder spielte im Theater am Schiffbauerdamm, wirkte in Komödien und zahlreichen Filmen und Fernsehspielen mit. Sie stand auch als Kabarettistin mit Walter Gross bei den legendären Rias-«Insulanern» auf der Bühne.

1972 holte sie Peter Zadek für seine Fallada-Revue «Kleiner Mann - was nun?» an das Bochumer Schauspielhaus in Bochum. Den schauspielerischen Durchbruch weg von Chargenrollen schaffte Brigitte Mira mit Hilfe von Fassbinder, in dessen TV-Serie «Acht Stunden sind kein Tag» sie im gleichen Jahr eine Rolle übernahm und vor allem 1973 mit dem Film «Angst essen Seele auf». Die damals 58-Jährige spielte eine Putzfrau, die sich in einen wesentlich jüngeren marokkanischen Gastarbeiter verliebt. Für ihre Leistung erhielt sie ein Jahr später den Bundesfilmpreis als beste Darstellerin. Unter Fassbinder drehte sie außerdem 1980 «Berlin Alexanderplatz» und «Lili Marleen». Später sagte sie: «Wenn dieser Mann noch lebte, hätte ich sicherlich noch ein paar goldene Filmbänder bekommen.» Fassbinder starb am 10. Juni 1982.

Nach seinem Tod wandte sich Brigitte Mira hauptsächlich wieder dem Fernsehen zu und spielte in Serien sowie Unterhaltungsshows. In den letzten Jahren kehrte sie auch wieder zur Bühne zurück und bescherte dem Theater am Kurfürstendamm als mordlüsterne Alte in «Arsen und Spitzenhäubchen» volle Häuser. 1997 spielte sie an der Seite von «Alt-Stachelschwein» Wolfgang Gruner in Horst Pillaus «Guten Tag, Herr Liebhaber».

Mit Harald Juhnke und Günter Pfitzmann war sie im Frühjahr 2000 in der Fernsehkomödie «Ein lasterhaftes Pärchen» zu sehen. Im Herbst 2000 wagte sich die 90-Jährige sogar noch einmal im Dauereinsatz auf die Bühne, diesmal als «Die Bettelkönigin von Moabit» im «Berliner Volkstheater Hansa» im Stadtteil Moabit.

Bewegt war nicht nur ihr berufliches Leben. Auch privat hat Mira einige Turbulenzen hinter sich. Sie war fünf Mal verheiratet, unter anderem mit einem um 20 Jahre jüngeren amerikanischen Regisseur. Auf die Frage, ob sie ihre Männer nach Sternzeichen ausgesucht habe, sagte die Mira einmal: «Och nee, ich hab' genommen, was kam.» Aus ihrer dritten Ehe stammen zwei Söhne. Über ihr Ende sinnierte die Mira standesgemäß: «Ich hoffe, dass irgendwann der Vorhang fällt und ich hinter der Bühne graziös zusammensinke. So, dass es auch noch ein hübsches Foto gibt.»

(Von Wilfried Mommert, dpa) ()

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