Politik : Kommando-Übergabe an Friedenstruppe nur formell - UN will Gräueltaten untersuchen

In Ost-Timor herrscht nach Ansicht des Kommandeurs der internationalen Friedenstruppe Interfet, Cosgrove, derzeit ein Machtvakuum. In einem großen Teil der Inselhälfte gebe es noch keine effektive Sicherheit, sagte er am Montag in Dili. Gleichzeitig bestritt Cosgrove, dass Indonesien die Kontrolle über Ost-Timor vollständig an Interfet übergeben habe: "Indonesien behält die Kontrolle über die Sicherheit für die Provinz". Zuvor hatte der Chef der indonesischen Armee (TNI) in Ost-Timor, Syahnakri, mitgeteilt, das Kommando sei am Morgen der Friedenstruppe übergeben worden. Er hatte vor der Presse erklärt: "An diesem Morgen hat die Zeremonie für die formelle Übergabe der Sicherheitskontrolle von TNI an Interfet stattgefunden."

In Genf beschloss die UN-Menschenrechtskommission am Montagabend nach zäher Debatte die Entsendung einer internationalen Kommission zur Untersuchung der Gräueltaten pro-indonesischer Milizen. Für die Resolution, die die Europäische Union vorgeschlagen hatte, stimmten 32 Länder, dagegen zwölf. Diplomaten nannten das Ergebnis überraschend deutlich, da die Resolution bis zuletzt äußerst umstritten gewesen war. Der Text sieht eine "angemessene Vertretung asiatischer Experten" vor. Indonesien und seine asiatischen Verbündeten lehnten die Resolution dennoch ab. Die von der Regierung in Jakarta beschlossene Untersuchung sei völlig ausreichend, hieß es.

In einem am Montag in der Zeitung "Surya Timor" in West-Timor veröffentlichten Interview sagte derweil Milizenführer Guterres, die Banden würden den Friedenstruppen drei Wochen geben, um ihre Neutralität zu beweisen. Wenn die unfairen Handlungen dann nicht aufgehört hätten, werde er handeln.

In Ost-Timor wurden am Montag sieben katholische Helfer vermutlich von pro-indonesischen Milizen umgebracht. Ihr Konvoi, der Lebensmittel von Baucau nach Los Paulos bringen sollte, sei in einen Hinterhalt geraten, verlautete aus Kirchenkreisen im nordaustralischen Darwin. Der Vatikan bestätigte den Überfall.

Im Westen der Inselhälfte verfolgten 150 Interfet-Soldaten erfolglos 30 bewaffnete Milizionäre. Als die Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen und Hubschraubern die Stadt Liquica erreicht hätten, seien die Bewaffneten verschwunden gewesen, sagte Bataillonskommandeur Slater. Es war der erste Vorstoß der Interfet in das Grenzgebiet zu West-Timor, das immer noch als Hochburg der Milizen gilt.

Unterdessen entschlossen sich die humanitären Organisationen, in Baucau das Zentrum zur Verteilung von Lebensmitteln und Medikamenten zu errichten. Der Flughafen von Dili sei durch die Militäroperationen überlastet, erklärte der Verantwortliche des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Majid Hussein. Auch scheine Baucau besser erhalten. Insgesamt seien "nur" rund fünf Prozent der Gebäude und Infrastruktur zerstört worden.

Der ost-timorische Bischof Belo bat zum Auftakt seines viertägigen Besuches in Deutschland dringend um Hilfe für seine verwüstete Heimat. Die deutsche Regierung müsse Druck auf Indonesien ausüben, Ost-Timor die angestrebte Unabhängigkeit zu geben. Der 51 Jahre alte Friedensnobelpreisträger verglich die Lage in Ost-Timor mit der Situation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Städte und Dörfer seien zum größten Teil zerstört. Belo wird am Mittwoch in Berlin mit Bundespräsident Rau zusammentreffen. Anschließend stehen Begegnungen des Friedensnobelpreisträgers mit Außenminister Fischer (Bündnisgrüne) und Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul (SPD) auf dem Programm.

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