Politik : Kommando zurück

Der Inspekteur des Heeres tritt vorzeitig ab – ihm gehen die Kürzungspläne von Verteidigungsminister Struck zu weit

Robert Birnbaum

Der Minister und der General haben getan, was man so tut in solchen Fällen: Über die Motive, die zum vorzeitigen Abschied des Heeresinspekteurs Gert Gudera geführt haben, wurde Schweigen vereinbart. Ganz daran halten mochte sich Peter Struck aber nicht. Auf Truppenbesuch in Koblenz, pikanterweise Sitz des Heeresführungskommandos, weist Struck „Spekulationen, dass es sich um politische Unterschiede oder dergleichen gehandelt hätte“ zurück.

Politische Differenzen sind es in der Tat nicht gewesen, die den General zum demonstrativen Rückzug bewogen haben. Es waren fachliche. Der 60-jährige Gudera, berichten Leute, die mit ihm in Kontakt standen, habe die Art und Weise nicht mitmachen wollen, in der Struck und vor allem sein Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan die Bundeswehr zur internationalen Eingreiftruppe umbauen. Schon dass Struck den Personalumfang der Armee auf 250 000 Mann herabfahren wollte, war bei dem Heeresgeneral auf Skepsis gestoßen. Zuletzt wollte er nicht akzeptieren, in welchem Ausmaß gerade die Teilstreitkraft Heer bei diesem Umbau Personal, Material und auch Fähigkeiten einbüßen soll. Schließlich hatte Gudera im vorigen Sommer mit einem Papier „Heer 2020“ eine Art Gegenentwurf zu Kürzungsplänen vorgelegt, eine Art Wunschliste für das Heer. Davon wird nach der jüngsten Bereinigung der Rüstungsplanung nicht mehr viel bleiben. Mehrfach im zurückliegenden Jahr hatte das Gerücht die Runde gemacht, Gudera werde vor seinem offiziellen Ausscheiden Ende Dezember 2004 abtreten; am Montagabend war es dann so weit.

Auf Verständnis trifft Guderas Schritt beim früheren Generalinspekteur Hans-Peter von Kirchbach. „Ich denke, dass er für seinen Aufgabenbereich die Schere zwischen Auftrag und Mitteln gesehen hat“, sagt Kirchbach dem Tagesspiegel. Er könne diese Sorge sehr gut verstehen, denn er teile sie. Dabei findet Kirchbach das neue Struck’sche Konzept für die Bundeswehr im Prinzip richtig. Die zunehmende Ausrichtung der Armee auf Einsätze im Ausland und die Neueinteilung der Bundeswehr in Eingreif-, Stabilisierungs- und Unterstützungskräfte seien „vernünftig“.

Allerdings dürfe man nicht nur die Konzepte betrachten, sondern müsse auch sehen, wie sie mit Strukturen und Material ausgefüllt würden. Und hier betreibe Struck eben eine „sehr konsequente Anpassung an eine nicht ausreichende Finanzlinie“. Faktisch sinke der Bundeswehretat durch Inflation und steigende Personalkosten bis 2006 stetig ab. „Wenn man es etwas bösartig formuliert, könnte man sagen: Der Gewinn, der sich aus der Personalreduzierung ergibt, wird finanziell verbraucht, bevor er überhaupt eingetreten ist“, sagt Kirchbach. „Bisher nicht gelöst“ erscheint dem Ex-Militär auch die Frage der „territorialen Komponente“, also der weiterhin notwendigen Heimatverteidigung etwa gegen terroristische Angriffe im Inland.

Guderas Nachfolger wird sich mit dieser Frage befassen müssen. Der bisherige Chef des Heeresführungsstabs, Hans-Otto Budde (55), solle die „Feinabstimmung im Zusammenhang mit der bevorstehenden Bundeswehrreform“ übernehmen, kündigte Struck in Koblenz an. Der Fallschirmjäger-General ist durch seine militärische Karriere schon bestens auf das künftige Hauptaufgabenfeld der Bundeswehr „am Hindukusch“ vorbereitet: Generalmajor Budde war von April 2001 bis Oktober 2002 Kommandeur der Division Spezielle Operationen, die in Regensburg stationiert ist; jener Kerneinheit einer schnellen Eingreiftruppe der Bundeswehr, der unter anderem das Kommando Spezialkräfte (KSK) zugeordnet ist.

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