Kommentar : Dieter Althaus: Allzu menschlich

31.08.2009 00:00 UhrVon Lorenz Maroldt
Landtagswahlen Thüringen - Althaus Foto: dpa
Wahlverlierer: Dieter Althaus. - Foto: dpa

Der Unfall und der Wahlkampf: Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus hätte nicht wieder kandidieren dürfen.

Die Wähler waren gnädig mit Dieter Althaus, gnädiger jedenfalls als seine Partei. Er kann jetzt, mit Anstand und Abstand, das tun, was er nach seinem fürchterlichen Unfall gleich hätte tun sollen, das, wozu ihn seine Partei und seine Freunde hätten drängen müssen, nähmen sie es ernst mit dem christlichen Verständnis von Nächstenliebe: eine Auszeit nehmen, länger jedenfalls als jene, die er bekam und die gerade reichte, um genug Kraft zu sammeln, auf dass er stehen bleibt bis zum Gong in der letzten Runde und doch noch nach Punkten gewinnt.

Die abermalige Kandidatur von Althaus war ein Wagnis, das die bisherigen Regeln der Politik außer Kraft setzte.

Gezeichnet von seinen schweren Verletzungen, von Koma und Todesnähe, von Grenzerfahrungen und dem Wissen, dass ein Mensch, eine Mutter, durch seine Fahrlässigkeit, also Schuld, ums Leben kam, setzte Althaus auf Demut statt Übermut, zumindest behauptete er das. Der Ministerpräsident, kaum wirklich genesen, forderte zudem seine politischen Gegner auf, seinen Unfall nicht zum Thema im Wahlkampf zu machen. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich – und eine Zumutung zugleich. Demut statt Übermut – das hört sich zu gut an, um in der Politik zu funktionieren. Die CDU sah in dieser Kandidatur eine Chance, dem politischen Gegner die Angriffssfläche zu nehmen und setzte zugleich auf einen Mitleidseffekt. Um dieser Kalkulation die Kälte zu nehmen, wurde das vermeintlich Warmherzige daran herausgestellt: In der Not wende man sich doch nicht ab von einem Freund!

Die Rechnung ging nicht auf, weil Althaus sich in Fehler treiben ließ, weil er zu kraftlos wirkte, verändert, neben sich stehend, eben so wie einer, der einen schlimmen Schicksalsschlag erlitten hat und die Folgen, die geistigen, emotionalen und körperlichen, noch längst nicht überwinden konnte. Er gab, noch in der offiziellen Rehabilitationsphase, aus der Abschirmung heraus, ein erstes Lebenszeichen in Form eines skurrilen Interviews, inszeniert vom Wahlkampfmanager. Er sprach über seine Gefühle und seine Gebete und über die verstorbene Mutter, bis deren Familie erklärte, sie fühle sich politisch missbraucht. Althaus selbst machte seinen Unfall zum Thema; genutzt hat es ihm nicht.

Die CDU ist stärkste Partei geblieben, aber ihre Verluste sind erheblich. Sie sind auch das Ergebnis eines Wahlkampfs, der wegen des Zustands des Kandidaten widersprüchlich und unehrlich wirkte. Er habe Vergebung erfahren, hatte Althaus in diesen Wochen erklärt. Menschlich, allzu menschlich gab er sich, zum Ende hin brachte er Fotos von sich unters Volk: mit seiner Frau im Garten, von Verlobung und Hochzeit, von einer Reise nach Peru, einer Audienz beim Papst. Es war einmal ein Politiker.

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