Kommentar : Israel bestätigt seine Kritiker

Unsere Istanbul-Korrespondentin Susanne Güsten kommentiert den israelischen Einsatz gegen die "Solidaritätsflotte" vor Gaza mit Blick auf die Reaktionen in der Türkei, die viele Todesopfer beklagt.

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Natürlich kann man sagen: Warum haben die Aktivisten mit ihren Schiffen voller Hilfsgüter für den Gaza-Streifen nicht auf die Warnungen Israels in den vergangenen Tagen gehört? Klipp und klar hatten die israelischen Behörden angekündigt, dass sie die Schiffe daran hindern würden, nach Gaza zu fahren, um dort ihre Ladung zu löschen. Doch das macht den Angriff auf die Schiffe nicht zu einer gerechten Sache. Und es ändert nichts daran, dass sich Israel mit der Kommandoaktion auf hoher See selbst schwer geschadet hat. In der Türkei wie in anderen Ländern hat die Erstürmung der Schiffe ein Vorurteil bestätigt: dass die Israelis immer nur auf Gewalt setzen.

Schwer bewaffnete Elitesoldaten auf diese Schiffe zu schicken, kann an sich schon als Botschaft verstanden werden. Israel hätte versuchen können, die Schiffe abzudrängen oder – notfalls mit Schüssen vor den Bug – zu stoppen. Warum gleich ein Gewalteinsatz angeordnet wurde, der wie eine Aktion gegen Terroristen wirkte, blieb am Montag zunächst unklar. Dass der Einsatz ein schwerer Fehler war, lässt sich aber schon jetzt sagen.

Israel sei „besoffen von seiner Macht“, sagte ein türkischer Experte am Montag im Fernsehen. Während sich die Israelis selbst als Gemeinschaft sehen, die sich ständig gegen die Angriffe von Extremisten schützen muss, erscheinen sie bei ihren Nachbarn, und jetzt auch in der Türkei, als Aggressor. In der Vergangenheit spielte die Türkei hin und wieder die Rolle eines Vermittlers. Damit dürfte es jetzt vorbei sein.

Die Notlage der Menschen im Gaza-Streifen wühlt die türkische Öffentlichkeit schon seit langem auf. Nun haben die Israelis erstmals das Feuer auf türkische Staatsbürger eröffnet – schon aus innenpolitischen Gründen wird die türkische Regierungen jetzt einen schärferen anti-israelischen Kurs fahren. Ob das im Westen nun als religiös-ideologisch begründete politische Richtungsänderung Ankaras verstanden wird oder nicht, dürfte den Politikern in Ankara reichlich schnuppe sein.

Für Israel bedeutet dies, dass das Land in der Region noch weiter isoliert wird. Nach den diversen Krisen der jüngsten Zeit war es um die israelisch-türkischen Beziehugen zwar ohnehin nicht mehr zum Besten bestellt. Doch nun droht der völlige Bruch mit dem Verbündeten Ankara. Beobachter in der Türkei glauben, dass nur eine rasche und offizielle Entschuldigung durch Israel den Kollaps der Beziehungen noch verhindern könnte. Eine solche Entschuldigung ist aber kaum zu erwarten. Die Feinde Israels, allen voran der Iran, dürften sich die Hände reiben. Die Israelis haben ihnen einen großen Gefallen getan.

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