Kommentar : Lafontaines Olivenbaum

31.08.2009 00:00 UhrVon Stephan-Andreas Casdorff
BERICHTIGUNG -Wahlkampfabschluss Die Linke Saar Foto: dpa
Mann mit Zukunft. Oskar Lafontaine. - Foto: dpa

So kann es kommen: Die Linke, vereint. Und das ist eine Vision, keine Halluzination. Mit Lafontaine zieht die neue Zeit - zumindest vorübergehend.

Die PDS, neue Partei des Saarlands. Na ja, nicht ganz. Aber vor fünf Jahren noch lag sie bei gut zwei Prozent, heute bei rund zwanzig. Gesiegt hat sie nicht, gewonnen aber schon eine Menge, die Linke. Und Oskar Lafontaine auch, einerlei, was seine Gegner, die vielen, sagen. Mit ihm zieht mindestens vorübergehend die neue Zeit. Jetzt wird sogar Frank-Walter Steinmeier allmählich weich. Franz Müntefering findet rot-rote Koalitionen inzwischen auf Länderebene sowieso schon normal. Und wer so über die Länder redet …

Ja, das Saarland, der erste westdeutsche, wenn auch kleine, Flächenstaat, groß genug für ein Experiment: die vereinte Linke.

Mit den Grünen. Genau da liegt Lafontaines Leistung. Denn das ist es, was er mit seiner Kandidatur erreichen konnte – den „Olivenbaum“ wie in Italien unter Prodi auf Saarländisch, am liebsten unter seiner Führung, zumindest aber durch seine Hinführung.

Das kann man, wenn man nur gerecht ist und nicht unbedingt blind sein will, eine polit-historische Entwicklung nennen. Keinem Politiker im demokratischen Deutschland ist so etwas je zuvor gelungen: eine als Paria verschriene Partei (im Westen) hochzureißen und sie zu einem dauerhaften Machtfaktor zu machen. Darum auch lässt ein Gregor Gysi nichts auf Lafontaine kommen, mag der sich benehmen wie ein Autokrat oder grenznapoleonisch – Strategie kann er.

Das sieht man besonders gut im Vergleich zur SPD von heute. Die kann noch nicht einmal mehr richtig ihren Wahlkampf organisieren und ihre Leute mobilisieren, im Bund vor allem nicht. Selbst das Minimum also schafft sie nicht. Und weil die Klugen unter ihren Leuten das wissen, haben sie sich auch immer so gerieben an Lafontaine. Sie habe ihm übel genommen, dass er ihnen übel genommen hat, wie sie ihn behandelt haben, anstatt seine Leistungen – wie er denkt – angemessen zu würdigen. Da steckt schlechtes Gewissen bei den SPD-Genossen dahinter und auf beiden Seiten ein Phantomschmerz. Die SPD verzeiht ihm nicht, dass er sie nicht um Verzeihung dafür bittet, vom Hof gejagt worden zu sein, wie Lafontaine es empfindet.

Nur ist er Machtmensch. Geht das so weiter, wird „Die Linke“ in der vereinten Linken auf Dauer noch stärker als die SPD. Ganz weit gedacht, und das hatte Lafontaine, als er in die Politik zurückkam, könnten die beiden Parteien später wieder fusionieren, zu seinen Bedingungen. Das klingt utopisch? Es klingt nicht mehr unrealistisch, bei dieser Schwäche der SPD. Hinzu kommt: Nicht jede Vision ist eine Illusion, und nach einer Vision hungert die SPD.

Und wenn er es selbst nicht mehr bestimmen könnte, weil er doch alt darüber geworden ist, dann – wird sich Lafontaine nicht grämen. Er kann zurücktreten, auch von Ämtern, das weiß man doch. Aber einen polit-historischen Moment geschaffen zu haben, kann ihm keiner nehmen.

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