Kommentar zum G-20-Gipfel : Wie man Brücken baut

Die G20 sind das Forum, auf dem die gegensätzlichen Positionen vor allem über die wirtschaftlichen und finanziellen Tragwerke durch persönliche Kontakte ausgetauscht und abgeglichen werden können. Darin liegt ihr großer Wert. Ein Kommentar.

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Im ostaustralischen Brisbane treffen sich am Samstag und Sonntag die G 20.
Im ostaustralischen Brisbane treffen sich am Samstag und Sonntag die G 20.Foto: AFP

Es soll heiß werden im ostaustralischen Brisbane, wenn sich dort am Samstag und Sonntag die G 20 treffen, die Vertreter der 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Welt und der Europäischen Union. Der IWF ist ebenfalls dabei. Das ist Tradition, weil es bei den G 20 nicht nur um Wirtschaft, sondern auch um Finanzen ging. Inzwischen hat sich das Themenspektrum bis zur Agenda einer Weltregierung geweitet – Ebola in Afrika, Bürgerkrieg in Syrien, Terror des IS, Steuerflucht von Großkonzernen, globale Erwärmung. Diese Aufzählung ist noch unvollständig.

Bei den G-20-Treffen schlagen die Interessengegensätze oft voll durch

Da es die Weltregierung nicht gibt, weil die Vereinten Nationen mit ihren fast 200 Mitgliedsnationen struktur- und konfliktbedingt nur selten über den appellativen Ansatz hinaus wirken können, schlagen bei den G-20-Treffen die Interessengegensätze oft voll durch. Die Zeiten, in denen man sich unter Gleichgesinnten jährlich zu mehr oder minder diskreten Absprachen treffen konnte, wurden vom Sturm der Globalisierung hinweggefegt.

Es ist eben etwas völlig anderes, ob man, wie ab 1975 geschehen, erst fünf, dann sechs kulturell, wirtschaftlich und politisch rein westlich geprägte Staaten zu den Kaminabenden der G 5 und G 6 bittet, oder ob einstige, kommende und reale Weltmächte um Einflusssphären ringen und ihre überkommene Dominanz gegen dynamische junge Volkswirtschaften und Rohstofflieferanten wie Indien, Brasilien, Argentinien verteidigen müssen.

Die G 20 sind, und darin liegt ihr großer Wert, das Forum, auf dem die gegensätzlichen Positionen vor allem über die wirtschaftlichen und finanziellen Tragwerke dieser Erde ausgetauscht und abgeglichen werden können. Das wichtigste Forum auch, auf dem sich durch Kennenlernen Vertrauen zwischen den Akteuren bilden kann. Ein ganz wesentlicher Baustein des vereinten, freien Europa waren und sind die persönlichen Kontakte, die Möglichkeit, dem anderen im Wortsinne in die Augen schauen zu können.

Helmut Kohl und François Mitterrand, Kohl und Michail Gorbatschow, Hans-Dietrich Genscher und Eduard Schewardnadse sind Historie gewordene Beispiele, dass nicht nur Respekt vor allseits anerkannten Regeln, sondern fast mehr noch zwischenmenschliche Beziehungen Basis des Miteinanders von Staaten sind.

Was für Europa gilt, hat global noch größere Bedeutung

Was für Europa gilt, hat global noch größere Bedeutung. Es ist kein Zufall, dass sich Barack Obama, dem eine gewisse Empathiearmut nachgesagt wird, gerade intensiv um eine persönlichere Beziehung zum chinesischen Präsidenten Xi Jinping bemüht. Beide Nationen, die USA und China, spielen im asiatisch-pazifischen Raum eine dominierende Rolle. Den anderen zu kennen, hilft Missverständnisse zu vermeiden.

Wohin Mangel an Respekt vor den Regeln, Desinteresse an den Menschen und mangelndes Einfühlungsvermögen führen können, zeigt der Konflikt um Russlands Politik und den sie verkörpernden Präsidenten Wladimir Putin. Wenn heute über Sprachlosigkeit zwischen den politischen Führern der Welt und die fehlende Bereitschaft, sich in den anderen hineinzudenken, geklagt wird, ist immer die Rede vom russischen Präsidenten. Dessen Rolle hat sich in den letzten zehn Jahren völlig gewandelt. Sein mit Gewalt durchgesetzter Plan, Russland wieder bis zur alten Größe zu stärken, kollidiert mit dem Recht vieler Länder an Russlands Grenzen, einen eigenen Weg zu gehen. Er schwächt übrigens zudem Russlands Möglichkeiten, auf einem Treffen wie dem der G 20 Einfluss zu gewinnen – man vertraut niemandem, den man fürchtet.

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