Politik : Kommissar ratlos

Schwedens Polizei hat wie im Fall Palme keine heiße Spur. Das Außenministerium leitete eine Droh-Mail nicht weiter

André Anwar[Stockholm]

NACH DEM MORD AN ANNA LINDH

Nach dem Mord an Außenministerin Anna Lindh macht sich in Schweden die Angst vor einer Wiederholung des „Palme-Traumas“ breit: Noch immer folgt die Polizei keiner heißen Spur. Videoaufzeichnungen im Kaufhaus und selbst das Messer, mit dem der Täter Lindh niedergestochen hatte, ergaben keine neuen Hinweise. Allerdings hätten die Ermittler einen Handabdruck an der Rolltreppe im Kaufhaus gefunden, der mit großer Wahrscheinlichkeit dem Täter zuzuordnen sei. Die Tageszeitung „Expressen“ meldete unter Berufung auf geheime Quellen, dass die Polizei einen 32-Jährigen identifiziert habe, von dem der Handabdruck stamme. Inzwischen stellte er sich aber als unschuldig heraus.

Der Täter wird als durchtrainierter Mann mit braunem schulterlangem Haar beschrieben. Er soll eine grüne Militärjacke getragen haben. Es gäbe keine Anzeichen für ein geplantes Attentat, sagte Polizeichef Leif Jennekvist und widersprach damit dem Polizeipressesprecher, der am Vortag gesagt hatte: „Er wusste, was er tat.“ Die Polizei geht davon aus, dass der Täter vorbestraft ist. In der Öffentlichkeit kursieren zudem Gerüchte um einen psychisch verwirrten, obdachlosen Mann mit rechtsradikalem Hintergrund.

„Der bloße Gedanke daran, dass auch der Mord an Anna Lindh nie aufgeklärt wird, erschreckt mich zutiefst“, sagte Chefankläger Sven-Erik Alhem der „Dagens Nyheter“. Das würde Schwedens Polizei in eine ernste Vertrauenskrise stürzen und auch das Vertrauen in den Staat, seine Bürger vor schweren Straftaten zu schützen, erschüttern.

Politiker und Medien haben die Stockholmer Polizei und die für den Personenschutz zuständige Behörde „Säpo“ scharf kritisiert, weil die Euro-Befürworterin Lindh in der zugespitzten innenpolitischen Lage vor dem Referendum keine Leibwächter hatte und die Polizei nach dem Attentat nicht schnell genug reagierte. Zehn Minuten dauerte es, bis die Polizei am Tatort ankam. Der Krankenwagen war schneller. Weder wurden die Straßen im Zentrum abgeriegelt noch wurde der U-Bahnverkehr eingestellt.

Der Chef der Sicherheitspolizei „Säpo“, Kurt Malmström, sagte in „Dagens Nyheter“, er stehe zu der Einschätzung, dass es keine konkrete Gefährdungslage für Lindh gegeben habe. Auf die Frage, ob er als Säpo-Chef noch tragbar sei, sagte Malmström: „Das haben andere zu entscheiden.“ Gleichzeitig gab Malmström zu: „Natürlich haben wir Fehler gemacht.“ Aber vor dem Attentat habe es keine Drohbriefe oder Anrufe gegeben.

Nach Angaben des Außenministeriums hat die Ministerin jedoch zwei Wochen vor dem Attentat eine Droh-E-Mail erhalten. Die überzeugte Verfechterin der Euro-Einführung sei darin als „machthungrige Hure auf dem Schoß der Wirtschaftsbosse“ beschimpft worden, teilte eine Sprecherin mit. Dies sei jedoch nicht als Bedrohung aufgefasst und daher nicht an die Sicherheitspolizei weitergeleitet worden. Die Ministerin selbst habe die Mail nicht gelesen, da ihre Mitarbeiter sie nicht weiterleiteten. Am Vortag war ein Zeitungsartikel erschienen, in dem sich Lindh gemeinsam mit dem Chef des schwedischen Telekommunikationskonzerns Ericsson, Carl-Henric Svanberg, für die Einführung des Euro ausgesprochen hatte.

Für Lindhs Nachfolge sind nach Medienberichten die EU-Umweltkommissarin Margot Wallström sowie Staatsrat Pär Nuder im Gespräch. Auch Wirtschaftsminister Leif Pagrotsky sei trotz seiner vehementen Ablehnung des Euros ein möglicher Kandidat.

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