Politik : Kommt Bernhard Vogel, wenn Schäuble geht? Der Ministerpräsident sagt nicht Nein.

Albert Funk

Wer vertritt eigentlich die CDU in Talkshows, wenn der Vorsitzende nicht mag, kann oder soll? Bei "Christiansen" zum Beispiel war es vor einiger Zeit ein bemerkenswert zuversichtlich dreinblickender Mann namens Vogel. Der vermittelte den Zuschauern, während das Parteipräsidium gerade in einer dramatischen Nachtsitzung die Krise diskutierte, ein Bild der Partei, das neben dem ganzen Dunkel auch hoffnungsvolle, lichte Töne ausstrahlt. Ja, das kann er, der Bernhard Vogel, Ministerpräsident von Thüringen. Mit diesem Talent hat er im vorigen September auch die Landtagswahlen gewonnen.

Derzeit gehört Vogel, 67 Jahre alt, zu jenen drei älteren CDU-Größen, die als mögliche Parteivorsitzende herumgereicht werden, falls Wolfgang Schäuble an der Spitze übergangsweise ersetzt werden müsste. Auch der 70-jährige Kurt Biedenkopf gehört zu dieser Riege, der etwas jüngere Erwin Teufel ebenfalls. Man muss nicht mehr tief in die Partei hineinhören, um zu erkennen: Die CDU-Führung denkt ernsthaft darüber nach, wer Schäuble kurzfristig ablösen könnte.

Alle drei haben abgewunken, dementiert, sind ausgewichen. Und müssen sich doch bereithalten. Ein Teil der Parteiführung favorisiert offenbar Kurt Biedenkopf, den sächsischen Ministerpräsidenten, dessen Umfragewerte blendend sind und der wohl in der Lage wäre, die Krise dank Ausstrahlung ein wenig zu überdecken. Aber Biedenkopf ist für viele in der CDU wie ein rotes Tuch, eine Mehrheit für ihn wäre nicht sicher. Teufel strebt den CDU-Vorsitz nach eigenen Worten nicht an und steht hinter Schäuble. Er könnte also einen Schritt nach vorn treten, müsste der Platz gefüllt werden. Allerdings neigt er zur Eigensinnigkeit und führt nicht zusammen.

Retter in der Not?

Also doch Vogel? Der Mann mit dem fröhlichen Naturell ist gelernter Politikwissenschaftler. Ende der 50er Jahre arbeitete er zusammen mit Helmut Kohl bei Dolf Sternberger in Heidelberg. Beide schrieben ihre Dissertation über Politik in der pfälzischen Provinz. Ein wenig akademisch ist Vogel immer geblieben - professoral kann man ihn jedoch nicht nennen. 1965 zog es ihn in die Praxis, Vogel wurde in den Bundestag gewählt, 1967 dann zum Kultusminister in Rheinland-Pfalz ernannt, was er auch blieb, als Kohl 1969 Ministerpräsident wurde. Fünf Jahre später folgte Vogel seinem Studienfreund Kohl als CDU-Landesvorsitzender, und 1976 wurde er Ministerpräsident.

Fortan regierte Vogel, zunehmend glücklos, bis November 1988. Als man ihm den Parteivorsitz im Land streitig machte, trat er als Ministerpräsident zurück - mit dem berühmten Satz "Gott schütze Rheinland-Pfalz". Als Chef der Adenauer-Stiftung brachte er alsbald ein Buch heraus mit dem ambivalenten Titel "Das Phänomen - Helmut Kohl im Urteil der Presse" (Kohl hatte mehrfach gegen Vogel intrigiert und ihn gedemütigt) und sah ansonsten dem Ruhestand entgegen, bis Anfang 1992 in der CDU eine mittlere Krise ausbrach, und zwar in Thüringen: Der Regierungschef Duchac musste abgelöst werden, die Lage der Partei war schlimm, an Wahlsieg nicht zu denken. Kohl empfahl Vogel, Thüringen nahm Vogel. Wie schon in der Pfalz löste der immer etwas spitzbübisch wirkende Junggeselle die Aufgabe besser, als Skeptiker geglaubt hatten, auch dank häufiger "Kreisbereisungen" und "Landesbegehungen". Ander als Biedenkopf in Sachsen - und weil er mit der SPD regierte - ging Vogel den wirtschaftlichen Aufbau recht spendabel an, vielleicht in der Annahme, die absehbaren Haushaltsprobleme nicht mehr selber lösen zu müssen.

Und nun soll er, der bei den Präsidiumswahlen regelmäßig gut abschnitt, im Fall des Falles die CDU führen? Nicht alle können dem Gedanken etwas abgewinnen. NRW-Parteichef Jürgen Rüttgers sagt, es gebe Leute, "die den Ernst der Lage noch immer nicht verstanden haben". Personalspekulationen seien nicht sinnvoll. Und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber, der mit Vogel und Teufel in der Vorwoche zusammengetroffen war, weist entsprechende Berichte als "blühenden Unsinn" zurück.

Offiziell bestreitet Vogel, der ausgleichen kann und für "Kohlianer" am ehesten annehmbar wäre, seine Bereitschaft. Ein klares Nein hört man allerdings nicht aus seinem Mund. Wie Biedenkopf geht er davon aus, dass Schäuble im April wiedergewählt wird. Als Retter in der Not sieht Vogel sich zwar nicht, aber dann folgt der Satz: "Ich will mithelfen, dass die Krise rasch beendet wird." Und erstaunlich empfindlich reagiert er, wenn man ihn einen Ziehsohn Kohls nennt.

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