Politik : Kommt jetzt die Abrechnung mit Schröder?

Malte Lehming

Wenn in Deutschland einer etwas versiebt hat", das wusste schon Kurt Tucholsky, "dann kneift er hinterher, schreibt aber seine Memoiren, womit er seine gänzliche Unschuld an dem Malheur dartut, die Gegner beschimpfen und fünfzehn Prozent des Ladenpreises einstecken kann." Ein bisschen mehr, annähernd 800 000 Mark Garantie-Honorar plus einige lukrative Konditionen, heimst nun Oskar Lafontaine ein, der überraschend frühzeitige Polit-Pensionär. Seine 350 Seiten, die am 12. Oktober, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, in gebundener Form erscheinen, werden ein "Hammer" sein, kündigt der Ex-Finanzminister an. Und Christian Strasser, der Geschäftsführer des zur Springer-Gruppe gehörenden Econ-Verlages, der in dem Wildwest-Poker um die Rechte das Rennen machte, orakelt: Das Buch "wird der Bestseller des Herbstes". Über dessen Inhalt wolle man vor der Veröffentlichung jedoch "kein Sterbenswörtchen" verraten.

Das steigert natürlich die Spannung. Auch bei Gerhard Schröder. Einst passte zwischen ihn und Lafontaine "kein Blatt", demnächst könnte den Zwischenraum ein längeres Abrechnungsessay füllen. Geredet haben sie seit ihrem Zerwürfnis jedenfalls nicht mehr miteinander. Ob er Angst vor Oskars Buch habe, fragte den Kanzler am Wochenende der "Spiegel". Schröder blieb zwar ruhig, aber eine gewisse Nervosität ließ sich seiner Antwort durchaus entnehmen: "Das war noch nie gut, wenn jemand gegangen ist und denen, die schwere Arbeit machen, Steine ins Kreuz wirft. Das goutiert keine Öffentlichkeit und erst recht nicht die SPD."

In der rumort es ohnehin. Denn Lafontaine hat in einer spektakulären Privatauktion um die Rechte an seinem Buch nicht bloß Literaturagenten und Verleger verprellt, sondern auch gute Freunde - wie den Chef des SPD-nahen Dietz-Verlages, Heiner Lindner. Für den war das Projekt eine "Herzensangelegenheit", sagt ein Kenner der Branche. Bis 550 000 Mark hatte Lindner mitgeboten. Dann stieg Lafontaine plötzlich aus, trieb geschickt die Preise nach oben und landete schließlich bei Econ. Lindner war so enttäuscht, dass er sogar zurücktreten wollte. Bei Geld hört die Freundschaft eben auf, sagt man. Das gilt offenbar auch für Genossen.

Bei Econ dagegen ist die Stimmung trotz der gigantischen Investition ("Teure Katze im Sack", titelt die "Woche") euphorisch. "Wir haben ein besseres Marketing, als es die meisten anderen Mitbieter gehabt hätten", sagt die Programm-Leiterin des Verlages, Margit Ketterle. Das Lafontaine-Buch passe "ganz hervorragend" in das Programm, der Zeitpunkt der Veröffentlichung sei ideal, auch wegen der Landtagswahlen im Saarland, in Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Lafontaine selbst werde das Buch am 13. Oktober in Frankfurt präsentieren, die Talkshows rissen sich bereits um ihn.

Etwas weniger hitzig ging es bei den Printmedien zu. "Spiegel" und "Stern" boten beim Gerangel um die Vorabdruck-Rechte zwar mit, stiegen aber unterhalb der von Econ erhofften 400 000 Mark aus. Übrig blieben die hauseigenen Publikationen "Welt am Sonntag" und "Welt". Die werden nun ausgerechnet am 3. Oktober, dem Jahrestag der deutschen Einheit, damit beginnen, die Zwietracht in der SPD neu anzuheizen.

Ob ihnen das gelingt, ist allerdings zweifelhaft. Zumal sich Star-Autor Lafontaine in einer unangenehmen Zwickmühle befindet. "Falls er wirklich vom Leder zieht und pointiert Schröder, Scharping und Eichel abmeiert, gibt es bei den Genossen einen Solidarisierungseffekt mit ihrer Regierung", vermutet ein altgedienter Sozialdemokrat. Dann wird es heißen: Warum hat Lafontaine das alles nicht viel früher gesagt, als er noch Verantwortung trug? Wahrscheinlicher sei daher eine andere Variante. Lafontaine werde lang und breit die internationale Finanzwelt kritisieren und sich selbst "als SPD-Urgestein stilisieren, dessen Gewissen die Ungerechtigkeiten einer globalisierten Welt-Ökonomie nicht mehr ertragen hat".

Das freilich hätte einen Nachteil: Unpräzise Larmoyanz verkauft sich schlecht. Das Buch würde zum Ladenhüter. Dann also doch lieber "die Gegner beschimpfen", wie Tucholsky meinte, und als neureicher Buhmann durch Talkshows tingeln. Denn wenn in Deutschland einer etwas versiebt hat, soll sich das wenigstens für ihn auszahlen.

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