Konferenz Global Solutions : Wie retten wir die Welt?

Wenn ein Thinktank von hochkarätigen Wissenschaftlern Anstöße für den G-20-Gipfel liefern soll, sind Mut und Beharrlichkeit gefragt. Ein Kommentar.

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In Berlin trafen sich am Montag und Dienstag internationale hochkarätige Wissenschaftler. Foto: Thilo Rückeis
In Berlin trafen sich am Montag und Dienstag internationale hochkarätige Wissenschaftler.Foto: Thilo Rückeis

Was für ein Feuerwerk an Ideen! Manche sind verblüffend eingängig wie der Vorschlag, Sonderwirtschaftszonen für Flüchtlinge in den ersten Zufluchtsländern einzurichten, damit sie dort Jobs finden und nicht weiterwandern. Andere rufen erst mal Verwunderung hervor wie die These, man müsse sich jetzt schon um die Chancen der Männer am Arbeitsmarkt sorgen und nicht um die der Frauen. Wieder andere kommen einem altbekannt vor, darunter Maßnahmen gegen Klimawandel; da hat die Erde weniger ein Erkenntnis- als ein Durchsetzungsproblem. Berlin aber darf es allein schon als Geschenk betrachten, dass Nobelpreisträger und andere brillante Köpfe hier zwei Tage lang über die Zukunft nachgedacht haben.

Und wenn es so weitergeht, wird daraus umgekehrt ein Geschenk Berlins an die Welt. Die Bundesregierung ist Gastgeber der zwanzig größten Volkswirtschaften (G 20). Den Gipfel Anfang Juli bereitet sie mit führenden Wissenschaftlern aus aller Welt vor: bei der Konferenz „Global Solutions“ der Thinktanks (T 20). Vielleicht ist es der Beginn einer neuen Ära – sofern der Anstoß Schule macht.

Die G 20 führten lange ein Schattendasein. Ihre Bedeutung bekamen sie in der globalen Finanzkrise, als Reparaturbetrieb für die unmittelbar drängenden Probleme. Gemeinsam stützten sie das Finanz- und Bankensystem und verhinderten eine weltweite Depression. Jetzt soll mehr daraus werden: vorausschauende Zukunftsarbeit durch wissenschaftliche Beratung. Wie retten wir die Welt? Einfach ist das nicht, sonst wäre sie längst gerettet. Ob Klimawandel, Migrationsströme, Hunger, Zugang zu Bildung und Investitionskapital – politische, ökonomische, soziale und kulturelle Einflüsse wirken zusammen. Also müssen Lösungen interdisziplinär erarbeitet werden.

Manche Ideen bedeuten eine Revolution

Der Vorteil der Wissenschaftler ist, dass sie keine Rücksicht auf Wiederwahl und Opportunität nehmen müssen. Sie haben freilich auch keine Durchsetzungsmacht. Am Ende entscheiden die G 20, nicht die T 20. Doch vielleicht sind ihre Ideen ansteckend. Der seit Jahrhunderten wirkende Vorteil der Männer auf dem Arbeitsmarkt – sie haben in der Regel mehr Körperkraft als Frauen – verliert an Bedeutung; in der digitalen Wirtschaft ist soziale Kompetenz wichtiger. Das kann sozialen Wandel beflügeln und die These untermauern, man müsse schon heute darüber nachdenken, wie man Männer künftig ausbildet. Vielleicht sind aber auch die Beharrungskräfte noch auf Jahre hinaus größer, zumindest in den G-20-Staaten, die patriarchalisch organisiert sind. Wie setzt man den Aufruf, die Autorität religiöser Führer im Kampf gegen Hunger besser zu nutzen, in einem Bürgerkriegsland wie Somalia mit verfeindeten Clans und Glaubensgemeinschaften um?

Intellektuell sind die Ideen der T 20 faszinierend, politisch bedeuten manche eine Revolution. Wie werden ein absolutistischer saudischer Herrscher oder die Präsidenten Putin und Trump auf die Forderung reagieren, dass Klima, Finanzsysteme, Artenvielfalt, Wasser und Land zu den Gemeinschaftsgütern gehören müssen, bei denen die Interessen der Menschheit Vorrang haben vor dem Recht auf private oder nationale Nutzung? Das wird wohl nicht so schnell in amerikanisches, russisches, türkisches oder saudisches Recht umgesetzt, wohl nicht mal in deutsches. Mutiges Vorausdenken ist nötig. Und dann Beharrlichkeit. Mit zwei guten Tagen in Berlin ist die Erde nicht gerettet.

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