• Konferenz zum Holocaust in Schweden - Staatschefs aus aller Welt diskutieren über Lehren aus der Vergangenheit

Politik : Konferenz zum Holocaust in Schweden - Staatschefs aus aller Welt diskutieren über Lehren aus der Vergangenheit

Jörgen Detlefsen

Mit Mahnungen zur fortgesetzten Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden und anderer verfolgter Gruppen ist am Mittwoch in Stockholm das Internationale Forum zum Holocaust eröffnet worden. Der schwedische Ministerpräsident Göran Persson sagte, das Vergessen des Holocaust wäre "Verrat an denen, die starben, und denen, die überlebten". Sein Land habe während der Zeit der Verfolgung im Zweiten Weltkrieg versagt. "Die moralische und politische Verantwortung für das, was wir getan und unterlassen haben, wird immer bei uns bleiben", betonte er.

Im Mittelpunkt des dreitägigen Treffens von insgesamt 47 Regierungsdelegationen soll die Frage stehen, wie die Erinnerung an den Holocaust wach gehalten werden kann. Erstmals kommen 20 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt sowie UN-Generalsekretär Kofi Annan zusammen, um sich auf einem derartigen Forum mit den Lehren aus der dunklen Geschichte zu beschäftigen. Vertreter der Überlebenden erhalten dabei eine hervortretende Rolle. Der US-Publizist und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel sagte zum Auftakt, die schwedische Initiative sei ein Vorbild für zahlreiche andere Länder. Wiesel, der als junger Mann Häftling im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war, nannte die Erinnerung an die Vernichtung der Juden eine "weiter endlose Reihe von Fragen, die beantwortet werden müssen." Wiesel schlug ein jährliches "Forum zur Menschlichkeit" in Stockholm vor.

Die Konferenz hat sich zum Ziel gesetzt, Rechtsradikalismus und Rassismus unserer Zeit durch Forschung und Aufklärung vorzubeugen. Sie war vom schwedische Ministerpräsidenten Göran Persson initiiert worden, als vor zwei jahren eine Umfrage bekannt wurde, wonach die Jugend angeblich nur unzureichend über Auschwitz und den millionenfachen Judenmord Bescheid wisse. Den Hintergrund bildeten auch die ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien und Neonazi-Aktivitäten im eigenen Lande. Eine 80-seitige Broschüre über die Untaten des Dritten Reiches ging an Hunderttausende Haushalte, Studienprojekte an Schulen und Hochschulen wurde gestartet. Laut Novellierung des Strafgesetzes sollen rassistisch motivierte Gewalttaten härter als "normale" bestraft werden. Im Januar 1998 veranstaltete der Stockholmer Reichstag erstmals eine Auschwitz-Gedenkstunde.

Die übersetzte, weltweit in fast 1 Million Exemplaren verbreitete Broschüre fand das Lob unter anderem US-Präsident Bill Clintons. Die USA, Großbritannien und Schweden bildeten eine Aktionsgruppe mit der Aufgabe, gemeinsam für Intensivierung von Ausbildung, Forschung und Erinnerung in Sachen Holocaust zu wirken. Schließlich schlossen sich insgesamt 45 Länder an, darunter Deutschland.

Für die Bundesrepublik ist die Konferenz Chefsache. Bundeskanzler Gerhard Schröder führt die deutsche Delegation an, namhafte Experten nehmen an Seminaren und Podiumsdiskussionen teil. Berlin ließ aber im Vorfeld Stockholm sein Befremden darüber erfahren, dass die schwedischen Konferenzvorgaben Nazideutschland anprangern - ohne Hinweis auf das heutige demokratische Deutschland, das viel zur Bewältigung seiner Vergangenheit getan habe.

Schweden selbst wurde von jüdischer Seite als Gastgeber in Frage gestellt, weil es wenig zur Erhellung seiner kritisierten Rolle während des Zweiten Weltkriegs getan habe. Damals kam es trotz Neutralität mehrmals Hitlers Forderungen nach, belieferte die Wehrmacht und verschloss sich jüdischen Flüchtlingen. Schweden, die als Freiwillige zur Waffen-SS gingen, sind nie strafverfolgt worden, heute sind ihre Verbrechen längst verjährt. Dass Schweden wie Raoul Wallenberg und Folke Bernadotte Zigtausende vor dem KZ retteten, bzw. daraus befreiten, findet zwar hohe Anerkennung, reichte jedoch nicht zur Ehrenrettung.

Die schwedische Regierung sah sich durch die Vorwürfe im Vorfeld in die Defensive gedrängt, die Opposition warf ihr Doppelmoral vor. Nach anfänglichen Beteuerungen des guten Gewissens bekundete Ministerpräsident Persson im Reichstag Scham über das Verhalten seines Landes während der Nazizeit und sagte rückhaltlose Aufklärung zu, einschließlich der Freigabe der einschlägigen Akten. Zukünftig soll es auch in Schweden keine Verjährung von Völkermord und Kriegsverbrechen geben. Trotz rechtsstaatlicher Bedenken der Justizministerin Laila Freivalds gegen eine rückwirkende Aufhebung der Verjährungsfrist versprach Persson, prüfen zu lassen, ob den SS-Veteranen doch noch der Prozess gemacht werden könne. Damit will der Gastgeber es vermeiden, auf der eigenen Konferenz als Angeklagter dastehen zu müssen.

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