Konflikt in Syrien : Der Vielvölker-Krieg

Seit fast sechs Jahren dauert der Konflikt in Syrien an - ohne Aussicht auf einen baldigen Frieden. Wer kämpft mit wem gegen wen? Und warum? Ein Überblick.

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In Trümmern. Wie hier in Aleppo sieht es in vielen Regionen Syriens aus. Foto: Imago
In Trümmern. Wie hier in Aleppo sieht es in vielen Regionen Syriens aus. Foto: ImagoFoto: imago

Staffan de Mistura ist ein sehr erfahrener Diplomat. Seit 46 Jahren steht er in Diensten der Vereinten Nationen. Immer wieder hat de Mistura versucht, zwischen gegnerischen Parteien zu vermitteln. Zum Beispiel in Afghanistan, dem Irak und auf dem Balkan. Das sei alles schon sehr kompliziert gewesen, hat der 69-Jährige vor einigen Monaten gesagt. Doch womit er es heute als Syrien-Gesandter der UN zu tun habe, verlange ihm alles ab. „Ich habe noch nie so viele Akteure mit so vielen unterschiedlichen Zielen wie in diesem Konflikt gesehen.

Hunderte Milizen

Da wird ihm niemand widersprechen. Was 2011 mit Demonstrationen in einem Provinzort als friedlicher Protest gegen Machthaber Baschar al Assad begann, hat sich längst in einen komplexen Krieg mit internationaler Dimension verwandelt. Und dieser Krieg wird immer weiter von außen befeuert. Die Zahl der Beteiligten und ihrer Interessen ist kaum noch überschaubar. Abgesehen davon, dass es ein Netz von gegenseitigen, teils vielschichtigen Abhängigkeiten gibt.

Im Zentrum des ursprünglichen Konflikts steht der Kampf zwischen dem Regime und dessen Gegnern. Assad will weiter herrschen – die Aufständischen tun alles, um ihn als verhassten Diktator zu stürzen. Inzwischen gibt es hunderte verschiedene Rebellenmilizen. Und viele Gruppen unterstützen wiederum den syrischen Präsidenten. Schon frühzeitig hat sich der Bürgerkrieg allerdings „internationalisiert“.

Das heißt, ausländische Staaten sind involviert, also Partei. Mal offen wie im Fall von Russland und Iran, die mit Assad verbündet sind, mal agieren sie mehr im Hintergrund wie Katar oder Saudi-Arabien, die vor allem islamistischen Rebellen helfen. Einige Länder nutzen Syrien, um ohne jede Rücksicht auf die dort leidenden Menschen mehr Einfluss in der Region zu erlangen und ihre Feinde damit zu schwächen.

Das gilt zum Beispiel für die Erzrivalen Saudi-Arabien und Iran. Dabei geht es um Macht, aber auch um Religion. In der muslimischen Welt streiten Sunniten und Schiiten schon seit Jahrhunderten, wer den „wahren Islam“ repräsentiert.

Kurden gegen Türken, Saudis gegen Iraner

Gefährlich verschärft hat sich die Lage durch den türkisch-kurdischen Konflikt, der längst auch in Syrien gewaltsam ausgetragen wird. Sogar der neue „Kalte Krieg“ spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Dass der Kreml aufseiten Assads eingegriffen hat und seitdem das Sagen hat, soll den USA ihre weitgehende Bedeutungslosigkeit im Nahen Osten vor Augen führen.

Diese politische Gemengelage macht es so schwierig, die Gewalt in Syrien zu beenden. Am 23. Januar soll es unter türkisch-russischer Vermittlung Friedensgespräche geben. Ob sie zustande kommen, ist mehr als ungewiss.

Die Kontrahenten

Assad: Syriens Präsident wird vorgeworfen, seit dem Beginn des Aufstands einen brutalen Krieg gegen sein eigenes Volk zu führen. Assad nennt alle seine Gegner ausnahmslos „Terroristen“. Lange Zeit war das Regime militärisch in der Defensive. Doch nachdem Russland offen für den Machthaber Partei ergriffen hat, ist Assad wieder im Vorteil. Er will erklärtermaßen das ganze Land zurückerobern.

Die USA: Für die USA mit Präsident Obama war immer klar: Assad muss gehen. Deshalb unterstützte die US-Regierung nicht-islamistische Rebellengruppen. Jedoch nur halbherzig. Mit Trump könnte sich die Syrien-Politik der USA ohnehin ändern. Der Republikaner hat erklärt, er halte den IS für ein größeres Problem als Assad.

Die Türkei: Ankara steht seit Beginn des Konflikts aufseiten der Assad-Gegner. Staatschef Erdogan gilt als Intimfeind seines Amtskollegen in Damaskus. Deshalb werden die sunnitischen Aufständischen unterstützt. Vorrangiges Ziel der türkischen Führung ist es jedoch, den größer werdenden kurdischen Einfluss im Norden Syriens zurückzudrängen.

Russland: Seit September 2015 ist Moskau Kriegspartei und stützt seinen Schützling Assad. Dafür gibt es vor allem strategische Überlegungen. Präsident Putin will die Macht seines Landes im Nahen Osten ausbauen und damit dem Westen demonstrieren, dass Moskaus Interessen geachtet werden müssen. Offiziell wird auch der IS bekämpft. Immer wieder attackiert die russische Luftwaffe aber auch moderate Rebellen.

Der Iran: Die Regierung in Teheran gilt als Assads treuester Partner. Und das war schon so, als der Aufstand begann. Der Iran hilft seinem Verbündeten in Damaskus nicht nur mit Geld und Öl, sondern auch mit Waffen und Kämpfern. Ohne schiitische Milizen wie der Hisbollah, die als verlängerter militärischer Arm Irans gilt, wäre zum Beispiel Aleppo wohl nicht so schnell gefallen.

"Islamischer Staat": Als Syrien in Krieg und Chaos versank, war die Dschihadistenmiliz zur Stelle. Die „Gotteskrieger“ brachten seit 2012 nach und nach immer mehr Gebiete militärisch unter ihre Kontrolle. Zeitweise beherrschten sie ein Gebiet so groß wie Großbritannien. Doch inzwischen sind die islamistischen Fanatiker in Bedrängnis und auf dem Rückzug, weil sie intensiv bekämpft werden. Von ihrem Ziel rücken sie bisher dennoch nicht ab: Sie wollen Syrien als Staat abschaffen und stattdessen ein Kalifat errichten.

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