Konflikte : Crisis Group: Seismograf des Grauens

Philippinen, Honduras, Guinea, Ukraine – und jetzt natürlich auch Haiti: Die International Crisis Group in Brüssel ist eine Art privates Weltaußenministerium. Sie warnt vor drohenden Konflikten und hat Einfluss wie kaum eine andere Organisation.

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Brennpunkt Sri Lanka. Überall sammelt die Crisis Group Informationen, an die oft nicht mal Regierungen herankommen. -Foto: AFP

Guinea, „das ist heute das heiße Thema“, sagt die junge Frau und beugt sich wieder über die Papiere auf ihrem Schreibtisch. Die Militärjunta des westafrikanischen Staates hat ein Massaker unter unbewaffneten Demonstranten angerichtet, und nun haben konkurrierende Militärs einen Anschlag auf den Diktator verübt. Informanten berichten von Waffenlieferungen aus der Ukraine und der heimlichen Rekrutierung von Söldnermilizen.

Jetzt muss die junge Analystin bis zum Abend einen Lagebericht fertigstellen. Im Zimmer nebenan schreibt ein Expertenteam ein „Briefing“ für den Abteilungschef, bevor dieser nach Moskau reist, um mit der russischen Regierung unter anderem über das Engagement des Aluminiumkonzerns Rusal in Guinea zu sprechen. Währenddessen feilen Fachleute in den anderen Räumen der Büroflucht an Analysen über den Aufstand in Süd-Thailand oder den Machtkampf um die Wahlen in Somaliland. Und ein Dutzend weiterer Mitarbeiter erstellt den wöchentlichen Nachrichtenüberblick über die übrigen Konfliktherde der Welt von den Philippinen bis Honduras.

Informantennetze, Konfliktanalysen, Regierungsberatungen – was anmutet wie die Arbeit in einer Geheimdienstzentrale ist in Wahrheit das Kerngeschäft einer höchst ungewöhnlichen Friedensorganisation. Denn hier, in der Dachetage eines Bürogebäudes an der Avenue Louise hoch über dem Brüsseler EU-Viertel residiert die Zentrale der „International Crisis Group“ (ICG), einer nichtstaatlichen Organisation, die sich der „Verhinderung und Lösung von gewalttätigen Konflikten“ verschrieben hat. Das gleiche Ziel verfolgen Friedensinitiativen in aller Welt. Doch keine arbeitet so wie die ICG, und keine hat auch nur annähernd so viel Einfluss. Die Berichte der „Crisis Group“ seien „besser, als das meiste, was ich aus dem Regierungsapparat bekomme“, sagt etwa Richard Holbrooke, Sonderbotschafter der Regierung Obama in Afghanistan. Die Vorschläge der ICG seien vielfach „direkt in die Verhandlungslösungen“ eingeflossen, bestätigt auch Ex-Außenminister Joschka Fischer.

Eine private Lobbygruppe zur Kriegsverhütung, die Gehör bei den Regierenden findet – das scheint wie eine Geschichte aus einer anderen Welt. Aber das Geheimnis dahinter ist einfach: Die Mehrzahl der Repräsentanten und Mitarbeiter kommt aus der Welt der Diplomaten und die nach außen hin rein private Organisation ist selbst ein Produkt der Politik.

An ihrem Start im Jahr 1995, so heißt es in der Selbstdarstellung, stand „die Verzweiflung über das Versagen der internationalen Gemeinschaft in Somalia, Ruanda und Bosnien“. Dort starben Anfang der 90er Jahre Hunderttausende in Bürgerkriegen, bevor die Weltmächte eingriffen. Gegen diese Trägheit wollte der frühere US-Botschafter und damalige Chef der Carnegie-Friedensstiftung, Morton Abramowitz, ein Frühwarnsystem installieren. Fachleute sollten in Konfliktregionen unabhängig Informationen sammeln und rechtzeitig Vorschläge entwickeln, wie die Bevölkerung vor Gewalt zu schützen ist. Auf dieser Grundlage sollte ein mit einflussreichen Politikern besetzter Vorstand für Gegenmaßnahmen werben, „Advocacy“ betreiben, wie es im amerikanischen Politjargon heißt.

Mitgründer waren der spätere UN-Vizegeneralsekretär und britische Minister Mark Malloch Brown und der damalige US-Senator der Demokraten, George Mitchell. So prägte von Beginn an das Weltbild vom reichen Westen, der sich um den armen Rest der Welt kümmert, die Arbeit der Organisation – ein Ansatz, der durchaus umstritten ist.

In den ersten Jahren kam das Unternehmen über ein Zwei-Mann-Büro in London und ein paar Rechercheure in Westafrika und der Balkanregion aber nicht hinaus. Erst als Gareth Evans, der frühere australische Außenminister, im Jahr 2000 den Vorsitz übernahm, ging es voran. Evans gelang es, den Hedgefonds-Milliardär George Soros für das Unternehmen zu gewinnen, und mit ihm kamen mehr Sponsoren, mehr Geld und mehr Reichweite. In den neun Jahren bis zu seinem Ausscheiden im vergangenen Juni baute Evans die ICG so zu einer Art privatem globalen Außenministerium aus. Das beschäftigt heute 130 Experten aus 50 Nationen und wird geführt von der früheren UN-Kommissarin für Menschenrechte, Louise Arbour. Ihr zur Seite steht ein 40-köpfiger Vorstand aus der globalen Politikprominenz von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan bis zum früheren Nato-Kommandeur Wesley Clark. Sie verwalten ein Budget von gut 15 Millionen Dollar im Jahr, und die damit finanzierten neun Regionalbüros berichten derzeit über rund 60 Länder, in denen Krieg und Gewalt herrschen oder drohen. Ein neuer Schwerpunkt wird Haiti sein, wo es gilt, den in den Vorjahren mühsam erkämpften inneren Frieden zu erhalten. Dies werde für die internationale Gemeinschaft eine Aufgabe für „mindestens ein Jahrzehnt“, erwartet Bernice Robertson, ICG-Bürochefin in Port-au- Prince.

Die globale Präsenz schlägt sich nieder in bis zu 80 ausführlichen Reports jährlich sowie hunderten von Interviews und Artikeln. Darum bietet die Website (www.crisisgroup.org) ein unvergleichliches Kompendium über alle Krisenregionen. Und Medien in aller Welt, auch der Tagesspiegel, zitieren gut 6000 Mal im Jahr die ICG-Experten, wenn es gilt, komplexe Konfliktlagen einzuschätzen

Das zeigt an, woher die Stärke der Organisation rührt: Ihre Fachleute vor Ort liefern Informationen, über die mangels Zugang nur die wenigsten Regierungen und kaum ein Journalist verfügen. So erklärt etwa der jüngste Kongo-Bericht detailliert mit namentlicher Nennung von verantwortlichen Bandenführern und Armeeoffizieren, warum der gemeinsame Feldzug der kongolesischen und der ruandischen Regierungsarmeen gegen die im Ost-Kongo marodierenden Hutu-Milizen im vergangenen Frühjahr ein Fehlschlag war. Oder das Pakistan-Team erklärt, wie die korrupte Militärbürokratie in den Grenzprovinzen zu Afghanistan selbst zur Stärkung der militanten Taliban beiträgt, die Pakistans Generäle auf Druck der US-Regierung mit Gewalt niederwerfen sollen. Und stets sind die Analysen verbunden mit handfesten Vorschlägen. So wird für den Kongo empfohlen, die UN-Truppen nur noch zum Schutz der Bevölkerung und nicht zur Unterstützung der Regierungstruppen einzusetzen. Und für Pakistan fordern die ICG-Experten, die US-Entwicklungsgelder an radikale Verwaltungsreformen zu knüpfen.

Dabei müssen die Rechercheure zuweilen große Umwege gehen. Die Lage im Süden Somalias zum Bespiel sei nur noch über Interviews mit reisenden Händlern und Abgesandten der verschiedenen Konfliktparteien in Kenia zu erkunden, erzählt am Telefon Ernst Jan Hogendoorn, Leiter des Projekts „Horn von Afrika“ in Nairobi. Auch im Sudan sei derzeit keine offene Arbeit mehr möglich. Stets laufen die Informationssammler damit Gefahr, als ausländische Agenten angesehen zu werden. Gegen dieses Vorurteil helfe, so Hogendoorn, nur „strikte Unparteilichkeit“ beim Abfassen der Berichte.

Die hohe Qualität der ICG-Analysen bestätigen auch kritische Geister wie die „Zeit“-Reporterin Andrea Böhm, eine ausgewiesene Kennerin der afrikanischen Konfliktregionen. Die ICG liefere „die Grundnahrung“ für die Berichterstattung. Die aufwendig recherchierten Berichte „füllen eine riesige Informationslücke“, meint auch Nicholas Whyte, der in Brüssel kleinere Staaten vertritt, die sich keinen außenpolitischen Apparat leisten können. Viele Regierungen, gerade auch in der EU, hätten gar nicht die Mittel, um sich aus eigenen Quellen zu informieren. „Gleichzeitig wollen aber alle in den EU- oder UN-Gremien mit entscheiden, was zu tun ist“, sagt Whyte.

In der Folge greife eben so manches Außenministerium auf die ICG-Analysten zurück. Daneben verfüge die Gruppe über einen weiteren großen Vorteil, erklärt Deutschlands Ex-Chefdiplomat Fischer, der ebenfalls dem Vorstand angehört: „Die reden auch mit den bad guys“, etwa der Hisbollah im Libanon, was den offiziellen Diplomaten meist verwehrt sei. So bekomme man „ein vollständiges Bild“.

Handelt es sich also eigentlich um eine Privatisierung von klassischen Regierungsaufgaben? „Das hoffe ich doch“, entgegnet Präsidentin Arbour offensiv. In Zeiten „schrumpfender Budgets und diplomatischer Kapazitäten“ sei es gut, dass „die Zivilgesellschaft“ die Lücke fülle, sagt sie, während sie ihren Blick instinktiv den Glaspalästen der EU hinter ihrem Panoramafenster zuwendet. Ganz so zivil ist die Finanzierung freilich nicht. Gut die Hälfte des Budgets tragen 17 Regierungen, angeführt von Kanada und Norwegen bis hin zur Türkei. Auch das Auswärtige Amt überweist 200 000 Euro im Jahr, und selbst die US-Regierung ist mit einer halben Million Dollar dabei. Gemessen an den Finanzquellen und der personellen Zusammensetzung der Führung ist die ICG also ein rein europäisch-amerikanisches Projekt. Das hat jedoch nicht nur Vorteile, sondern beschränkt auch die Perspektive.

Der größte Nutzen ist gewiss die Nähe zu den westlichen Entscheidern. Für Alain Délétroz etwa, den Leiter der „Advocacy“-Arbeit für Europa, ist die Beratung der Spitzendiplomaten tägliches Geschäft. Der 45-jährige gebürtige Schweizer ist flüssig in sechs Sprachen von Quechua bis Russisch und hat zwei Jahrzehnte Erfahrung mit Konfliktprävention in Asien und Lateinamerika. Soeben kommt er von einem Gespräch mit dem schwedischen Botschafter, der den Vorsitz im sicherheitspolitischen Komitee der EU führt, dem Steuerungsgremium für die Außenpolitik der Union. Am nächsten Tag trifft er Beamte in Moskau, und auch im Berliner Außenamt ist er häufig zu Gast. „Die Leute verschwenden mit mir keine Zeit“, versichert Délétroz.

Aber führt die Arbeit der ICG tatsächlich zu weniger Krieg und Gewalt? Délétroz zögert. „Frustrierend“ sei, dass die Empfehlungen „zu selten befolgt werden.“ Aber es gebe auch große Erfolge. So habe die ICG 2003 gewarnt, „dass Rebellentruppen in der Kongo-Provinz Ituri die Bevölkerung mit einem Genozid bedrohten“. Daraufhin habe der damalige Präsident Evans UN-Chef Annan alarmiert. Dieser habe die ICG-Warnung dem Sicherheitsrat vorgetragen, worauf Frankreichs damaliger Präsident Jacques Chirac entschied, eine Interventionstruppe zu schicken. „Damals haben wir viele Menschenleben gerettet“, glaubt Délétroz.

Auch die Entscheidung der EU, dem Kosovo den Weg in die Unabhängigkeit zu öffnen, sei wesentlich von Lageeinschätzungen der ICG getragen gewesen. „Wir wussten aus unseren Quellen, dass auch die serbische Regierung das eigentlich wollte, nur konnte sie das nicht öffentlich sagen“, erinnert sich der ICG-Europachef. Darum habe Evans die 27 Regierungschefs der EU per Brief gedrängt, eine EU-Mission für den Staatsaufbau nach Pristina zu senden, und dies habe sich letztlich auch als beste Form der Gewaltvermeidung erwiesen.

François Grignon, der langjährige Direktor des Afrika-Programms wiederum sieht das größte Verdienst darin, „dass wir in den Krisenländern Debatten anstoßen, die es ohne uns nicht gäbe“. So sei etwa im Tschad der ICG-Bericht über die Unterschlagung von Öleinnahmen so eingeschlagen, dass die Regierung „gar nicht anders konnte, als gegen die Korruption vorzugehen“. Ähnlich werde nun im Sudan sehr ernst über den Vorschlag der ICG diskutiert, die im kommenden Frühjahr vorgesehenen Wahlen zu verschieben, um ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs zu verhindern. Belegen lassen sich solche Erfolge freilich nur über die Anerkennung, die viele amerikanisch-europäische Außenpolitiker der Organisation zollen.

Der Preis für diese Nähe ist freilich, dass die ICG stets nur deren traditionelle Denkmuster bedient. Über die Agrarpolitik der EU und der USA etwa, die mit ihren Dumpingexporten in Afrika Millionen Bauern um ihr Einkommen bringt, findet sich in den ICG-Berichten kein Wort. Dass die ungezügelte Spekulation an den Rohstoffmärkten vergangenes Jahr ganze Regionen in Hungerrevolten trieb, darüber berichten die ICG-Experten nicht. Die Verheerungen, die der von der US-Regierung gesteuerte Internationale Währungsfonds mit seinen Kreditbedingungen in Pakistan anrichtete, kommen nicht vor.

Insofern sei die Organisation lediglich mit „politischer Symptombekämpfung“ befasst, indem sie „zeitnahe Informationen zu akuten Krisen bereitstellt“, kritisiert die Hamburger Krisenforscherin Berit Bliesemann. So erleichtere sie „lediglich die Art der reaktiven Notfallpolitik“, auf die sich die Regierungen des Nordens gerne beschränken. Das gleiche Defizit sieht auch Boris Wilke, Südasienexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, die im Auftrag der Bundesregierung im Prinzip die gleiche Arbeit macht. In der aktuellen politischen Analyse seien die „Konkurrenten“ der ICG „zum Teil besser als wir“, gesteht er. Doch zugleich ignoriere die Organisation „zu oft die wirklichen Bedürfnisse der Bevölkerung“, in Pakistan etwa die ungerechte Landverteilung.

Louise Arbour, der Chefin der Brüssler Krisenaufklärer, ist diese Kritik nur allzu vertraut. Der Widerspruch habe sie schon während der Arbeit als UN-Kommissarin für Menschenrechte begleitet, sagt sie. Der Norden rede von politischen Freiheiten, während die Menschen des Südens wirtschaftliche Grundrechte fordern. „Aber wir können nicht alles machen, unser Job bleibt das Konfliktmanagement“, beteuert sie, und die Flut der schlechten Nachrichten gibt ihr recht.

Zum Beispiel aus Guinea, wo jeden Tag der Bürgerkrieg ausbrechen kann. Während die Afrikanische Union versuche, die Rückkehr zu einer zivilen Regierung zu erzwingen, seien es ausgerechnet die Vetomächte des UN-Sicherheitsrates, deren Rohstoffkonzerne die Generäle „weiter mit Geld versorgen“. Da müsse eben die ICG „der Weltgemeinschaft ihren eigenen Anspruch wieder und wieder vorhalten“, sagt Afrika-Direktor Grignon. Er wird dafür sorgen, dass Guinea ein heißes Thema bleibt.

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