Politik : Konfliktforscher: Einsatz des Militärs ist ein Fehler

ALBERT FUNK

BERLIN .Während die deutsche Politik die NATO-Schläge gegen Serbien fast einmütig gutheißt, beurteilen Wissenschaftler die Angriffe mit Skepsis und Ablehnung.Der Frankfurter Politologe Ernst-Otto Czempiel, früherer Leiter der Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, hält die NATO-Aktion für einen "unnötigen Fehler".Nachdem in Rambouillet ein Abkommen ausgehandelt worden sei, hätte es dieser massiven Aktion nicht bedurft, sagte Czempiel am Donnerstag im Gespräch mit dem Tagesspiegel.Statt dessen hätte, wie schon in der Bosnien-Krise, mit politisch-wirtschaftlichem Druck auf die serbische FÜhrung begonnen werden sollen.Die Blockade- und Embargopolitik habe damals gewirkt, Präsident Milosevic habe letztlich nachgegeben.

Czempiel verweist darauf, daß Serbien in der ersten Hälfte der Verhandlungen von Rambouillet bereit gewesen sei, die Regelungen für das Kosovo zu akzeptieren.NATO-Truppen im Kosovo hätte Milosevic jedoch nicht akzeptieren können.Die NATO habe sich in einen Handlungszwang begeben."Das war entweder strategisch inkompetent, oder man hat diese Entwicklung von Anfang an gewollt", sagte Czempiel."Unkontrollierbare Strategien führen aber auch zu unkontrollierbaren Situationen."

Der stellvertretnde Leiter des Münchner Südost-Instituts, Franz-Lothar Altmann, befürchtet, daß sich die NATO "irgendwann an einen Punkt bombt, an dem man nicht mehr weiter weiß." Serbien habe den Angriffen militärisch wenig entgegenzusetzen, doch könnte Milosevic sie noch eine Weile zulassen, da die NATO angekündigt habe, keine Bodentruppen einsetzen zu wollen.

Skeptisch äußert sich der frühere NATO-Befehlshaber und Bundeswehr-General Gerd Schmückle, der nicht an ein frühes Einlenken Milosevics glaubt."Aus der Luft ist noch nie ein Krieg entschieden worden, man mußte immer Landtruppen einsetzen", sagte er dem Westdeutschen Rundfunk.Die Frage sei, wie lange die Allianz die Luftangriffe durchhalte; kein NATO-Staat zeige den Willen, Bodentruppen einzusetzen.

Unklar nennt Altmann die Haltung der jugoslawischen Armee.Seit der Entlassung der Chefs der Armee und des Geheimdienstes gebe es die Spekulationen, es könne zu einer Art Militärputsch kommen."Eigentlich müßte die Armeeführung beunruhigt sein angesichts der NATO-Schläge", meinte der Wissenschaftler.Zerstörungen und Schäden, die die Verteidigungsfähigkeit des Landes gefährdeten, seien nicht im Interesse der Militärs.Zwar stehe die Mehrheit der Bevölkerung hinter Milosevic.Ob dies auch für die Mehrheit der Offiziere gelte, sei allerdings nicht sicher.

Czempiel dagegen ist der Ansicht, die NATO-Bombardierungen führten zu einem Solidarisierungseffekt: "In einer solchen Situation werden sich die Offiziere nicht gegen den obersten Feldherrn stellen." Die Serben würden geradezu "an Milosevic herangebombt." Czempiel will auch das Argument nicht gelten lassen, die NATO-Angriffe seien ein Präventivschlag, um eine drohende Destablisierung der Region zu verhindern."Stabilität durch Bomben zu schaffen, ist eine Täuschung", sagte Czempiel.Die logische Konsequenz wäre eine Besetzung des halben Balkans.

Altmann hält es dagegen für plausibel, daß einer solchen Destabilisierung vorgebaut werden sollte.Weitere vom Kosovo ausgehende Flüchtlingsströme nach Albanien und Mazedonien hätten diese Länder nicht verkraften können.

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