Konfliktlösung : Kabul und die Kaschmirfrage

Internationale Experten fordern, dass die Sicherheitsstrategie für Afghanistan auch den indisch-pakistanischen Konflikt einbeziehen muss.

Karin Schädler

Berlin - Immer mehr setzt sich die Haltung durch, dass die Staaten der Region viel mehr in eine künftige Sicherheitsstrategie für Afghanistan einbezogen werden müssen. „Der Versuch, eine aktive Diplomatie in der Region zu machen, ist für mich der wichtigste Impuls“, der von den jüngsten Afghanistankonferenzen ausgehe, sagt Tom Koenigs, der ehemalige Leiter der UN-Mission in Afghanistan und Grünen-Bundestagsabgeordneter. Man hole jetzt die wichtigen regionalen Akteure an den Verhandlungstisch, sagt der Politikwissenschaftler Boris Wilke. „Denn der Gedanke hat sich durchgesetzt, dass es mit der Monopolstellung der NATO in Afghanistan vorbei ist.“

Dass es in der Vergangenheit keinen regionalen Konsens über Afghanistan gab, hat das Land zusätzlich destabilisiert. Weil die Staaten der Region Einfluss ausüben wollten, haben sie stets unterschiedliche militante Gruppen in Afghanistan unterstützt. Der pakistanische Journalist Abbas Rashid sagt: „Wenn die Interessen dieser Länder nicht miteinander versöhnt werden, drohen in Afghanistan immer wieder Stellvertreterkriege.“ Wegen der Präsenz der NATO hätten diese Staaten zurzeit eine „Hemmschwelle“, ihre Interessen durchzusetzen, sagt Jochen Hippler vom Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen. Nach einem Abzug dürfte das anders aussehen.

Besonders Pakistan ist auf ein ihm wohlgesonnenes Afghanistan angewiesen, denn das Land kann schwer noch einen weiteren Gegner verkraften. Pakistan ist eine noch junge Demokratie, hat mit Korruption und vielen weiteren Problemen zu kämpfen und steht von allen Seiten unter Druck. In seinem westlichen Grenzgebiet zu Afghanistan kämpft seine Armee gegen die Taliban, an seiner Ostgrenze steht es nach wie vor in einem Kalten Krieg mit Indien. „Für Pakistan schien es in der Vergangenheit vor allem deshalb wichtig, militante Gruppen in Afghanistan zu unterstützen, um für den Konflikt mit Indien den Rücken frei zu haben“, sagt Hippler.

Auch in der aktuellen Lage spielt der indisch-pakistanische Konflikt eine Rolle. Sultan Mahmood Chaudhry, der ehemalige Premierminister von Azad Kaschmir, eines der pakistanischen Gebiete Kaschmirs, sagt: „Pakistan benötigt dringend Erleichterung an seiner Ostgrenze, um sich auf die Westgrenze mit Afghanistan konzentrieren zu können.“ Schließlich, sagt Journalist Rashid, sei die pakistanische Armee nach wie vor primär auf Indien ausgerichtet.

Müsste also, um Frieden in Afghanistan herzustellen, auch der indisch-pakistanische Konflikt bearbeitet werden, inklusive des Kaschmirkonflikts? Chaudhry sagt, Kaschmir sei der Kernkonflikt der Region. „Ohne Frieden in Kaschmir gibt es auch keinen Frieden in Afghanistan.“ Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer schrieb vor ein paar Monaten, wenn ein regionaler Konsens über die Zukunft Afghanistans hergestellt werde, spiele dabei vor allem der Kaschmirkonflikt eine „nicht zu unterschätzende“ Rolle. „Dies ist keine leichte diplomatische Aufgabe, dennoch aber machbar und müsste das eigentliche Ziel einer neuen Afghanistankonferenz sein.“ Hippler deutet solche Aussagen als Versuche, auf Indien Druck auszuüben. So gewichtig sei der Zusammenhang zwischen Kaschmir und Afghanistan allerdings nicht.

Sowohl Indien als auch Pakistan erheben in Kaschmir Gebietsansprüche, wobei Pakistan mit der derzeitigen Aufteilung wesentlich unzufriedener ist. Im indisch verwalteten Teil von Kaschmir lebt eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung mit einer starken Präsenz des indischen Militärs. Der militante Widerstand gegen die indische Verwaltung in Kaschmir reicht bis in die Kolonialzeit zurück. Der britische Plan, mehrheitlich muslimisch bewohnte Gebiete sollten zu Pakistan gehören und mehrheitlich von Hindus bewohnte zu Indien, ging in Kaschmir nicht auf. Chaudhry fordert die USA, die EU und insbesondere auch Deutschland auf, im Kaschmirkonflikt zu vermitteln. Eine UN-Resolution, die vorsieht, dass die Kaschmiris per Volksabstimmung über ihren Status entscheiden dürfen, müsse endlich umgesetzt werden.

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