Konfliktmanagement : Wir Genscheristen!

Hans-Dietrich Genscher war der erste konsequent mediengerechte Politiker, schreibt der Soziologe Bernd Guggenberger. Seine Omnipräsenz war prägend. Auszug aus einem Essay.

Bernd Guggenberger
Hans-Dietrich Genscher, hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 2014.
Hans-Dietrich Genscher, hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 2014.Foto: dpa

Bernd Guggenberger ist deutscher Politikwissenschaftler, Soziologe und Rektor an der Lessing-Hochschule zu Berlin. 1992 hat er anlässlich des Ausscheidens Genschers aus der Bundesregierung einen Beitrag für einen politikwissenschaftlichen Sammelband über die Frage, warum Genscher so beliebt ist, geschrieben. Ein Auszug:

"Die „Zeit“ hat dem ehemaligen Außenminister Genscher aus Anlaß seines Rückzugs vom Amt den Ehrentitel eines „Mister Mitte der Republik“ verliehen. In der Tat konnte Genscher – erfolgreicher Minister in sozialdemokratisch wie in christdemokratisch geführten Kabinetten – geradezu als Inkarnation des „Mannes der Mitte“ gelten. Führte er dennoch oder gerade deshalb über viele Jahre hinweg mit großem Vorsprung die Beliebtheitsskala der deutschen Politiker an?

Mentalitätspsychologisch ist der „Genscherismus“ ein bislang noch weitgehend ungeklärtes Phänomen. Im Kontext deutscher politischer Kultur zählen traditionell ganz andere Qualitäten als jene von Genscher auf so signifikante Weise verkörperten. Üblicherweise rangieren hierzulande die Tugenden der Distinktion: des Ja oder Nein, des Entweder-Oder, des Für oder Gegen auf der Hitliste öffentlicher Wertschätzung weit vor jenen der Geschmeidigkeit und der ubiquitären Kommunikation; weit vor den unverbindlichen Verbindlichkeiten des Zwar-aber und des Sowohl-als auch. Von Bismarck und Stresemann über Schumacher und Adenauer bis zu Franz Josef Strauß und Oskar Lafontaine haben sich markante deutsche Politikerpersönlichkeiten eigentlich stets durch polarisierende Eindeutigkeit und eher schroffe Prinzipienfestigkeit ausgezeichnet. Dem Moderator flocht man keine Kränze.

Vielleicht hat war – hieran bemessen – Genscher der erste „postmoderne“ Politikertypus. Gewiß sind ihm „Prinzipien“ nicht abzusprechen; doch ebenso gewiß verdankt er nicht zuvörderst ihnen die hohen Sympathiewerte; viel zu selten hat er uns mit Grundsätzlichem und Visionärem hörbar traktiert.

……

Die umtriebige Allgegenwart seines durch Beharrlichkeit effektiven Konfliktmanagements – sie war das Geheimnis seines politischen Erfolgs. Genscher war mit seiner Machttechnik der kommunikativen Omnipräsenz der erste konsequent mediengerechte Politiker. Er hat unter Nutzung modernster Technik immer wieder die Raumgrenzen zugunsten umfassender Zeitteilhabe gesprengt. Teilhabe auch ohne Anwesenheit und Anwesenheit ohne Teilhabe – beides gleichermaßen charakterisiert den Stil seines situativen Politmanagements, dessen Medium und dessen heimliche Prämisse die Präsenz in Permanenz ist……

Man hat Genscher nicht von ungefähr mit Superman („Genschman“) verglichen und ihn quasiparodistisch zu einer Kultfigur des Comic-strip geadelt. Auch Superman ist durch pfeilschnelle (Selbst)-Bewegung scheinbar allgegenwärtig; und er ist als der nicht alternde Heldentenor seines Comic-Imperiums in all seiner Rastlosigkeit – und einzig durch sie – der ruhende Pol dieser Gegenwelt.

Auch Genschers Wirken erweckte in einer Welt, in der nichts bleibt und der soziale Wandel die schlimmsten aller Wunden schlägt, vor allem den Eindruck von Verläßlichkeit, Ruhe und standfestem Beharren. Der paradoxe Preis dieser Publikumswahrnehmung gleichförmiger Kontinuität, gemessener Ruhe und fast biederer Bodenständigkeit ist die lebenslange unaufhörliche Selbstbewegung des Protagonisten.

Vielleicht ist also Genschers Popularität gar nicht so schwer zu deuten, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Was er verkörpert, ist nichts anderes als die postmoderne Version des deutsch-trutzigen „In Treue fest“. Konsens wird durch beharrliche Gesprächsbereitschaft ersetzt; die Unmöglichkeit prinzipieller Übereinkunft durch den Pragmatismus kommunikativer Dauerpräsenz ausgeglichen. …

Die herausragende Charaktereigenschaft der neuen Generation postmoderner politischer Hoffnungshelden scheint ihre Unermüdlichkeit zu sein, ihre Mobilität, ihre innere und äußere Ungebundenheit, kurz: ihre Fähigkeit, überall gleichzeitig zu sein – doch nirgends ganz und gar; es (fast) allen recht zu machen – doch nichts zu sehr und ausschließlich zu wollen.

Wir lieben und bewundern „Genschman“ als unablässig pendelnden, allseits krisenmanagementfähigen Red Adair der politischen Katastrophen und Schwelbrände. Wenige nur fragen sich, ob das genügt: immer nur zu reagieren, Krisenmanagement in Permanenz. So sympathisch er uns erscheint, der wendige und nach allen Seiten gesprächsfähige Troubleshooter, so symptomatisch ist er auch für die Heillosigkeit der Zeit, für die Orientierungsschwächen einer visionsarmen, desillusionierten Politik, der nichts bleibt als die Reparatur der Reparatur der Reparatur…..

Wir lieben und bewundern Genscher, weil wir alle längst sind wie er – nur ohne sein Format. Genscher ist uns so sympathisch, weil wir alle längst selbst kleine Genscheristen sind. Und der „Genscherismus“ – er ist ein Kompensationsphänomen wie die Telefonseelsorge und die Technikfolgenabschätzung. Wie der weiland „dienstälteste Außenminister der Welt“ sind auch wir zwergwüchsigen Möchtegern-Genscheristen zur unablässigen Selbstbewegung verdammt, um unserer Existenz ein wenig Beständigkeit zu sichern."

Hans-Dietrich Genscher starb am 31. März 2016.

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