Politik : Kongo: Die alten Seilschaften aus der Kolonialzeit funktionieren noch

Wolfgang Drechsler

Etwas ungewöhnlich mutete es schon an, was da am späten Dienstagabend auf den Weltnachrichten von CNN und BBC geschah: Nicht etwa ein Mitglied der kongolesischen Regierung, sondern ein Sprecher des belgischen Außenministeriums in Brüssel trat dort vor die Kamera und verkündete den verdutzten Zuschauern, dass der kongolesische Staatschef Laurent Kabila am Dienstagnachmittag erschossen worden sei. Während Kabilas eigene Regierung den Tod des 59-Jährigen auch am Mittwoch noch immer offiziell dementierte, hielten die Belgier unverändert an ihrer Version der Dinge fest.

Die Episode zeigt, wie groß der Einfluss der früheren europäischen Kolonialmächte in ihren einstigen Überseebesitzungen auch vier Jahrzehnte nach deren Unabhängikeit noch immer ist - und wie genau sie über die Ereignisse dort unterrichtet sind. Belgien konnte sich bei der Verkündung der Todesnachricht vermutlich auf einen hochrangigen Militär und einen Mediziner stützen, der Kabila nach den tödlichen Schüssen untersucht haben muss. Ansonsten wäre es, schon wegen der potenziell destabilsierenden Wirkung, unverantwortlich gewesen, eine solche Nachricht zu veröffentlichen und damit die belgische Gemeinde in Kinshasa zu gefährden.

Dass Belgien dem zentralafrikanischen Raum als frühere Kolonialmacht besonders eng verbunden ist, wird auch daran deutlich, dass die belgische Fluggesellschaft Sabena derzeit als einzige europäische Airline in die Region fliegt. Mit welchen Gefahren dies verbunden ist, wurde erst letzten Monat deutlich, als eine Sabena-Maschine beim Anflug auf die burundische Hauptstadt Bujumbura beschossen wurde.

Einziger echter Konkurrent der Belgier in der Region sind die Franzosen, die den Verlust Indochinas und Algeriens seit der Regentschaft von Charles de Gaulle durch ein Netz intensiver Beziehungen mit Afrika zu kompensieren suchten. Doch damit ist seit einigen Jahren Schluss: Nachdem das Afrikakorps der Grande Nation seit 1960 fast vierzigmal bei Konflikten in Afrika mobilisiert werden musste, verkündete die Regierung in Paris Ende 1997, mit dem alten Paternalismus in der Afrika-Politik brechen und die Beziehungen zum schwarzen Kontinent nun auf das Prinzip der Gleichheit stellen zu wollen.

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