Politik : Kongo: Ende eines Hoffnungsträgers

Wolfgang Drechsler

Als in Kongo vor knapp vier Jahren die 32-jährige Diktatur von Mobutu Sese Seko mit dessen Flucht zu Ende ging, schien niemand mehr von dem Erfolg der bunt zusammengewürfelten Rebellensoldateska überrascht zu sein als ihr Kommandant Laurent Kabila. Fast über Nacht wurde der zuvor fast unbekannte Berufs-Guerillero und Goldschmuggler damals zum Führer eines Landes mit 45 Millionen Menschen und immensen Rohstoffschätzen. Gleichwohl wurde rasch deutlich, dass der rundliche Guerillaführer mit dem sandgelben Safarianzug nicht der Mann sein würde, der Kongo aus seiner enormen politischen und wirtschaftlichen Notlage befreien würde.

Schneller als von den meisten erwartet, ist Kabilas ebenso korrupte wie konfuse Herrschaft nun zu Ende gegangen: Nach offiziell noch unbestätigten Angaben wurde der 59-Jährige am Dienstag von einem seiner Leibwächter im Affekt erschossen. Putschgerüchte oder gar eine populäre Revolte bestätigten sich nicht.

Dass Kabilas Tod weder im Ausland noch im eigenen Land Bestürzung oder Trauer auslöste, kann nicht überraschen. Die Begeisterung, die auf die Vertreibung Mobutus folgte, war nur von kurzer Dauer: Kabila gelang es nicht, die günstigen Startbedingungen zu nutzen. Statt die politischen und sozialen Kräfte des Riesenlandes in seiner Regierungsmannschaft zu bündeln und Macht zu dezentralisieren, tat er das Gegenteil: Kabila besetzte die wichtigen Regierungsämter mit Familienmitgliedern und Loyalisten aus seiner Heimatregion Katagana, inhaftierte politische Gegner, knebelte die Presse und verbot alle politischen Parteien. Am Ende unterschied sich seine Regierung nur noch unmerklich von dem Unrechtsregime seines korrupten Vorgängers. Der einstige Hoffnungsträger war zum Unterdrücker mutiert.

Ein weiteres folgenschweres Versäumnis Kabilas lag darin, dass er Vertrauen jener ausländischen Investoren zerstörte, die nach seiner Machtübernahme Interesse an der Minenindustrie zeigten. Statt mit erfahrenen Bergbauhäusern zu kooperieren, vergab Kabila Kontrakte an Unternehmer, die Verbindungen zu seiner Regierung hatten.

Daneben verärgerte Kabila mit seiner Willkür und fehlenden Reformbereitschaft die ausländischen Geberländer. Seine Weigerung, zur Beilegung des Bürgerkriegs im eigenen Land enger mit den Vereinten Nationen zu kooperieren, hatte zur Folge, dass sich das Ausland nicht dazu durchringen konnte, Kongo bei der Rückzahlung seiner enormen Auslandsschulden von mehr als 15 Milliarden US-Dollars zu helfen.

Kabilas Hauptfehler bestand aber darin, genau jene Verbündeten zu vergraulen, denen er die Machtübernahme im Mai 1997 zu verdanken hatte: die Regierungen der östlichen Nachbarstaaten Uganda und Ruanda. Beide hatten sich von seinem Amtsantritt eigentlich einen Schutzgürtel an ihrer Westgrenze zu Kongo versprochen - und wurden bitter enttäuscht. Statt die Übergriffe zu stoppen, die militante Exilantengruppe vom kongolesischen Staatsgebiet aus auf die beiden Nachbarländer unternahmen, ignorierte Kabila ihren Mord- und Rachefeldzug und schmiedete mit ihnen sogar noch Allianzen.

Schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt erhoben sich deshalb die von Uganda und Ruanda unterstützten Rebellen im Osten Kongos gegen ihren einstigen Verbündeten. Gleichzeitig traten Angola, Namibia und Simbabwe auf Kabilas Seite in den Krieg ein. Seither tobt im Herzen Afrika ein Buschkrieg, den keiner gewinnen kann. Die Kämpfe haben das gesamte Zentrum des Kontinents erschüttert und eine Region von der Fläche Westeuropas destabilisiert.

Ein im Juli 1999 geschlossenes Friedensabkommen zwischen den Bürgerkriegsparteien ist durch das ständige Neuaufflammen der Kämpfe nie zum Tragen gekommen. Gegenwärtig befinden sich Tausende Zivilisten im Osten des Landes auf der Flucht. Allein in Nordsambia sollen über 30 000 Menschen in Flüchtlingslagern hausen.

Beobacher haben zuletzt immer wieder darauf verwiesen, dass Kongo längst in die Einflusszonen unterschiedlichster Kriegsfürsten zerfallen ist. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs im August 1998 sollen nach Informationen der Vereinten Nationen allein im Osten des Landes mehr als 1,7 Millionen Menschen an den Folgen des Krieges gestorben sein. Niemand kämpft in dem Land heute mehr für Demokratie oder die Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Wie in alten kolonialen Zeiten geht es den Kriegsparteien allein um die Plünderung der Bodenschätze, allen voran Diamanten, Gold, Kobalt, Kupfer und Uran. Zwar hat Kabilas plötzlicher Tod mancherorts die Hoffnung auf eine neue Friedensinitiative genährt. Doch eine Lösung der verfahrenen Lage im Herzen Afrikas ist nirgendwo in Sicht. Wahrscheinlicher ist eine Neuauflage der blutigen Vergangenheit.

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