Kongo : Zwischen Hysterie und Alltag

Goma im Herzen Kongos ist eine Stadt in Angst. Nachts fallen Schüsse, am Tag machen Gerüchte über geplante Rebellenangriffe die Runde.

Judith Raupp
Judith Raupp ist Journalistin und arbeitet für Heal Africa in Goma. Foto: privat
Judith Raupp ist Journalistin und arbeitet für Heal Africa in Goma. Foto: privat

Goma – „Krieg also“, denke ich, und radle zur Arbeit, vorbei an einem weiß lackierten Panzer mit der Aufschrift UN. Die Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen bewachen die Universität. Sie schauen ernst, halten die Maschinengewehre im Anschlag – und sie hören dabei leise Radio, fröhliche, kongolesische Rhythmen. Ein Panzer, aus dem Musik klingt? Absurd.

Die Millionenstadt Goma pulsiert am Rande der Schizophrenie, weil im Ostkongo eine neue Rebellion ausgebrochen ist. Ein paar Tage lang geht das Gerücht, der meuternde Armeegeneral Bosco Ntaganda werde Goma stürmen. „Der Krieg kommt“, behaupten manche in der Stadt. Einige Entwicklungshelfer fliehen sofort über die Grenze ins nahe Ruanda. Andere bleiben. Ntaganda wird seit 2006 vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen gesucht. Als die kongolesische Regierung im April andeutete, der frühere Kriegsherr könne vielleicht doch ins Gefängnis wandern, gründeten seine Anhänger den Kampfverband „Mouvement 23“ (M23). Seither schwankt Goma zwischen Hysterie und Alltag.

Es ist schon Nacht, als das Handy klingelt. Eine Arbeitskollegin ruft an: „Hörst du die Schüsse? Es ist direkt vor meiner Haustür. Weißt du, was los ist?“ Die Salven vernehme ich, aber ich habe keine Ahnung, was passiert. „Was machst du jetzt?” frage ich zurück. „Ich schaue Fernsehen, heute ist zur Abwechslung mal Strom da”, antwortet sie. Immerhin bleibt Goma an diesem Abend die M23 erspart. Es sind nur ein paar Banditen, die um sich schießen, wie ich später erfahre. Sie wollen ihre Kumpane aus dem Gefängnis befreien. Geschossen wird in Goma häufiger, mal feuern Wächter auf Einbrecher, mal die Polizei auf Demonstranten.

Am nächsten Morgen radle ich zum Markt. Außer Tomaten bieten die Bäuerinnen Gurken und Karotten feil. Ein Glückstag, oft gibt es nur Tomaten und Sombe, ein Gemüse, das wie Spinat schmeckt. Die Bauersfrauen grüßen von Weitem. Sie tragen bunte Kleider und haben beste Laune. Manchmal treffe ich auf dem Markt ehemalige Patientinnen von Heal Afrika. Die kongolesische Hilfsorganisation, für die ich arbeite, betreut im Krankenhaus in Goma und in den Krankenstationen auf dem Land jedes Jahr mehr als 10 000 vergewaltigte Frauen. Was sie erzählen, jagt mir kalte Schauer über den Rücken. Jenes Mädchen etwa, 15 Jahre alt, wollte auf dem Feld Kartoffeln ernten. Drei bewaffnete Banditen haben sie über mehrere Stunden misshandelt. Ihren Unterleib haben sie derart zerstört, dass sie Dutzende Operationen über sich ergehen lassen muss. Ihr leerer Blick verfolgt mich, wenn ich an die Menschen auf dem Land denke, wo jetzt der neue Krieg wütet.

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