Politik : Konjunktur: Zu groß geraten

Carsten Brönstrup,Dagmar Dehmer

Zwei der sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr nach unten korrigiert. Das Hamburgische Welt-Wirtschaftsarchiv (HWWA) rechnet nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 1,7 Prozent. Anfang des Jahres war das HWWA noch von einem Plus von 2,3 Prozent ausgegangen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) korrigierte seine Prognose von ursprünglich 2,1 Prozent sogar auf 1,3 Prozent nach unten.

Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) war in der vergangenen Woche noch von einem Wachstum von zwei Prozent für das ganze Jahr ausgegangen. Diese Prognose liegt auch seinem Haushaltsentwurf zugrunde. Sollten die Wirtschaftsinstitute mit ihrer skeptischen Einschätzung der Konjunktur recht behalten, wird Eichel noch einmal rechnen müssen. Die ersten beiden Quartale des Jahres 2001 sind jedenfalls enttäuschend verlaufen. Für das erste Quartal meldete das Statistische Bundesamt einen Zuwachs von 1,6 Prozent. Für das zweite Quartal liegen die aktuellen Schätzungen bei plus 1,4 Prozent.

Als Hauptgründe für die lahmende Konjunktur benennen HWWA und IfW die abkühlende Weltwirtschaft und die hohen Verbraucherpreise. Die Teuerung in den elf Euro-Staaten hat nach Angaben des Europäischen Statistikamts Eurostat ein Acht-Jahres-Hoch erreicht. Sie liegt für den Mai bei 3,4 Prozent, einen Monat zuvor waren es noch 2,9 Prozent gewesen. Grund für die gestiegene Inflation waren vor allem die hohen Preise für Heizöl und Benzin sowie steigende Lebensmittelpreise. Die Preissteigerungen hätten die Entlastungseffekte durch die Steuerreform wieder aufgehoben, analysierten die Wirtschaftsforscher. Allerdings rechnen beide Institute für die zweite Jahreshälfte mit besseren Konjukturdaten. Für das kommende Jahr gehen sie übereinstimmend von einem Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent aus.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat die Europäische Zentralbank (EZB) aufgefordert, die Leitzinsen zu senken. Das DIW hält die derzeitigen 3,4 Prozent Inflation nicht für einen Hinderungsgrund. Zudem schlägt das DIW der Bundesregierung vor, ihre Neuverschuldung zu erhöhen, um der Konjunktur aufzuhelfen. Das klingt fast ein wenig nach Oskar Lafontaine. Aber schließlich gilt es für die Bundesregierung ein hehres Ziel zu verteidigen, nämlich die Zahl der Arbeitslosen weiter zu senken. Dafür dürften schon etwas mehr Schulden gemacht werden, findet das DIW. Mit den aktuellen Wachstumsprognosen sei das Ziel, im Schnitt 3,5 Millionen Arbeitslose im Jahr 2001, nicht zu erreichen, stellt das IfW fest. Bei einem Plus von 1,3 Prozent liege die Zahl bei durchschnittlich 3,8 Milllionen, es sei denn, die Statistik werde geändert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben