Konrad Freiberg : "Es müssen viel mehr Polizisten ausgebildet werden"

Kriminalhauptkommissar Konrad Freiberg über die Polizeiausbildung und die Gefahr für die deutschen Beamten.

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Foto: dpadpa

Herr Freiberg, für Soldaten gibt es eine neu geschaffene Tapferkeitsmedaille – fühlt sich die Polizei mit ihrer Arbeit in Afghanistan ausreichend anerkannt?



Ohne jeden Zweifel nicht. Wer unter schwierigsten Bedingungen und bei Gefahr für Leib und Leben seine Arbeit macht – auch für uns, zu unserem Wohl hier in Deutschland –, der bräuchte mehr politische Zuwendung. Und vor allem eine vernünftige Bezahlung – und nicht, wie zuletzt, Kürzungen wie beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Das Ziel ist die Ausbildung von 134 000 Polizisten. Reicht das?

Man muss zugeben: Wir haben am Anfang alle viel zu klein dimensioniert gedacht. Das fängt beim Militär an, geht über die Polizei- und Soldatenausbildung bis hin zu den zivilen Hilfsdiensten. Was wir dort gemacht haben, ist ein bisschen Selbsttäuschung gewesen, nach dem Motto: Wir leisten Großes. Wer die Komplexität dieses Landes kennt, sich die Geschichte anguckt, die Infrastruktur, die Größe – dem wird klar, dass wir uns bisher viel, viel Mühe gegeben haben, aber das wird lange nicht den Problemen gerecht, die dort herrschen.

In aller Regel sind 80 bis maximal 100 deutsche Polizisten in Afghanistan ...


Wenn man alle Missionen zusammenzählt, ja, die bilaterale, das EU-Projekt ...

Sind das nicht zu wenig?


Man müsste in einer ganz anderen Größenordnung ausbilden. Da müssten sich aber auch andere Länder stärker in die Pflicht nehmen lassen.

Der Soldat kann per Befehl an den Hindukusch beordert werden. Beim Polizisten ist das anders. Bräuchte es, wenn wir über ganz andere Größenordnungen sprechen, auch ganz andere Anreize?


Die Auslandszuschläge von Soldaten und Polizisten müssten angeglichen werden. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass Polizisten, die sich freiwillig melden, dorthin zu gehen, die Gewissheit haben können, dass für ihre Sicherheit gesorgt ist – und, wenn was passiert, sie gut versorgt werden. Wichtig ist im Übrigen eine gewisse psychische Betreuung der Kollegen nach ihrer Rückkehr. Das ist etwas, was in unserer Gesellschaft völlig unterschätzt wird: Die Kollegen haben oft Schreckliches erlebt, und es ist nicht so, dass sie unberührt jegliches Leid sehen, zurückkommen, sich schütteln, einen Rotwein trinken und alles ist vorbei und gut. Die Kollegen leiden.

Nachsorge ist das eine. Ausbildung und Vorbereitung sind das andere. Läuft das zufriedenstellend?

Ja. Da hat sich vieles gebessert. Wir sind früher guten Glaubens und guten Willens mit unseren Vorstellungen in das Land gegangen. Aber uns ist klar geworden: Man kann die Kultur und die Menschen nicht ändern. Da muss man eine gewisse Toleranz aufbringen, sich an vieles gewöhnen. Zum Beispiel an die Korruption. Für uns ist Korruption etwas absolut Negatives. Das ist es auch – aber wir müssen verstehen, dass es dort seit Jahrhunderten zum Überleben gehört.

Auch die Polizei wird zunehmend zum Angriffsziel ...


Wir müssen uns auf das Verhalten von Terrortätern einstellen, müssen üben, auch hier in Deutschland, wie man sich am besten schützen kann. Das tun wir.

Es hat ja die Diskussion gegeben, ob nicht die robuste Ausbildung der USA sinnvoller ist – dem Land fehlen ja nicht so sehr gute Verkehrspolizisten ...


Da ist was dran. Die brauchen sicher nicht den Spurensicherer, der am Tatort alles analysiert und dann auf den Täter kommt. Das müssen aber die Afghanen entscheiden, ob sie ein anderes Polizeibild haben wollen. Und dann muss man überlegen, wer das am besten kann.

Es heißt, Sie bildeten zum Teil Ihre eigenen Feinde aus ...


Das Problem war in der Vergangenheit noch stärker als jetzt: Wir haben die Leute ausgebildet – und konkurrierende, besser zahlende Warlords haben sie abgeworben. So ist das leider. Die müssen ihre Familien versorgen. Denen gilt ihre oberste Loyalität. Verständlicherweise.
Das Gespräch führte Michael Schmidt.


ZUR PERSON

Konrad Freiberg, 58, Kriminalhauptkommissar, ist seit 2000 Vorsitzender des Vorstands der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

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