Konvertiten : Der Ruf des Muezzins

Konvertieren? Zum Islam? Für viele undenkbar. Doch Jahr für Jahr tun es Tausende in Deutschland. Meist sind es Frauen. Drei Begegnungen.

Claudia Keller
Ratsch
"Ein Gefühl der Befreiung." Franziska Ratsch fand ihren Glauben in der Weddinger IZDB-Moschee. -Foto: Thilo Rückeis

Sonja tat es, weil sie als Mutter und Hausfrau anerkannt werden wollte. Franziska, weil sie das Romantische, das Schicksalhafte begeisterte. Ulrike wollte der Leistungsgesellschaft entfliehen. Sonja heißt heute Suriyya, Ulrike heißt Jasmin. Nur Franziska blieb Franziska, als sie zum Islam konvertierte.

Die Hinwendung zum Islam – für die meisten Frauen in Deutschland klingt das wie ein Schritt ins Mittelalter. Wie Verrat. Wie die Umarmung einer aggressiven Religion, in der sich die Frau dem Mann unterwerfen muss und einem strengen Regelwerk, in der sie überhaupt jedem Individualismus abzuschwören hat. Und dann bekommen sie auch noch so viele Kinder. Sonja, Franziska und Ulrike sehen das anders. Ja, Islam heißt Unterwerfung – aber unter Gott. Und das bringe die wahre Freiheit, sagen sie. Was das genau ist, beschreiben die Frauen sehr unterschiedlich. Manchmal verstörend für den, der zuhört.

Konvertiten sind eine Minderheit unter den knapp vier Millionen Muslimen in Deutschland. Das Islamarchiv in Soest schätzt ihre Zahl auf 25 000, zwei Drittel davon seien Frauen. Vor zehn Jahren waren es 12 000. Vor dem 11. September 2001 seien jährlich 200 bis 250 Deutsche übergetreten, heißt es in Soest, danach seien es sprunghaft mehr geworden, 1000, 2000, auch mal 4000 in einem Jahr. Verfassungsschützer warnen vor den Konvertiten, weil sie zur Radikalisierung neigten. Zwei der vier jungen Männer, die vor zwei Jahren im Sauerland Bombenattentate planten, waren Konvertiten. Um die Übergetretenen kontrollieren zu können, wollte Ex-Innenminister Wolfgang Schäuble eine Konvertiten-Datei erstellen. Die Islam-Expertin Riem Spielhaus von der Berliner Humboldt-Universität sagt dagegen, Konvertiten seien wichtig für die muslimische Gemeinschaft – „als Brücke zur Mehrheitsgesellschaft“. Kaum eine größere muslimische Organisation in Deutschland komme ohne die einheimischen Neu-Muslime aus.

Nur in rund einem Dutzend der über hundert Berliner Moscheen trifft man auf konvertierte Deutsche. Meist sind es arabische Moscheen, denn hier wird auch Deutsch gesprochen. Eine von ihnen ist das „Interkulturelle Zentrum für Dialog und Bildung“ im Wedding im vierten Stock eines früheren Bürogebäudes. Freitags kommen bis zu 1000 Beter, 20 Prozent der Männer und ein Drittel der Frauen sind Konvertiten. Es ist Samstagnachmittag, Suriyya sitzt bei Kaffee und Kuchen mit einer Handvoll anderer junger Frauen zusammen und schwärmt vom Familienleben: „Wenn man unter Deutschen sagt, dass man Hausfrau und Mutter ist, heißt es doch gleich: Und sonst?“ Seit ihrer Konversion müsse sie sich nicht mehr rechtfertigen, jetzt endlich werde sie als Frau wahrgenommen.

Suriyya ist 26 Jahre alt. Sie hat einen Schleier über Kopf, Hals und Brust gebunden, einen sogenannten Hijab. Über dem schwangeren Bauch spannt ein rosafarbenes Kleid. Ihre vierjährige Tochter spielt auf dem grünlichen Teppich. Suriyya stammt aus einer ostdeutschen Familie. „Religion kam bei uns nicht vor“, sagt sie. Es gab auch kaum Rituale. Beim Essen habe man sich einfach bedient, wenn man Hunger hatte. Als sie ihren Freund kennenlernte, habe sie die Herzlichkeit und Gemeinschaft in der arabischen Großfamilie fasziniert. Dass sich alle zu festen Zeiten um den Tisch versammeln, dass man sich hilft und die Kinder selbstverständlich bei der Cousine abgibt, wenn man eine Nacht durchschlafen will. Und, dass die Männer sich binden wollen. „Nicht so wie die deutschen, die nach zehn Jahren ihrer Freundin sagen: Ich habe mich verändert und suche mir eine andere.“ Vor fünf Jahren hat sie ihren Freund geheiratet und ist Muslima geworden. Seitdem kommt sie samstags zur „Islamklasse“. Hier werden die neuen „Schwestern“ über den Koran und das gottgefällige Leben unterrichtet.

Als der Muezzin zum Gebet ruft, taucht ein Problem auf: Babyspucke auf dem Hijab. „Bin ich jetzt unrein und darf nicht beten?“, fragt die junge Mutter. Im Islam gibt es ein weit verzweigtes Regelwerk, das nur Eingeweihte nach Jahren verinnerlicht haben. Man darf nur mit der rechten Hand essen, nur mit dem linken Fuß die Toilette betreten, muss wissen, wie viel Prozent Alkohol in Medikamenten zulässig ist und wie man den exakten Anfang und das Ende der Monatsblutung bestimmt. Eine Frau, die ihre Tage hat, ist unrein und darf nicht beten. Tut sie es doch, begeht sie eine Sünde und riskiert die Hölle. „Der Teufel sucht sich die kleinsten Türchen“, sagt die Lehrerin. Die vielen Regeln wirken wie eine Geheimsprache, die den Zusammenhalt stärkt. Man kann Experte werden in der religiösen Leistungsgesellschaft. Die Lehrerin fragt, ob der Säugling nur Muttermilch bekomme oder ob zugefüttert werde. Milch sei rein, Karottenpüree nicht. Die Mutter wird zum Auswaschen ins Bad geschickt.

Nicht allen hier sind diese Verästelungen der Gottgläubigkeit so wichtig. Franziska Ratsch trägt keinen Hijab, sondern ein Kopftuch, das sie wie einen Turban nach hinten gebunden hat. Um den freien Hals hat sie locker einen Schal gelegt. Die anderen Frauen wollten ihr zeigen, wie man das Tuch „richtig bindet“. Schwester Franziska hat dankend abgelehnt. „Regeln sind für die Menschen da, nicht umgekehrt“, sagt sie. Sie ist 31 Jahre alt, ausgebildete Grafikdesignerin und studiert Psychologie. Sie besucht keine Islamklasse, sondern kümmert sich in der Weddinger Moschee um die Öffentlichkeitsarbeit. Früher war Franziska Ratsch nicht sonderlich religiös. Das änderte sich in Spanien, im maurisch geprägten Cordoba, wo heute noch viele Muslime leben. Franziska Ratsch arbeitete dort in einer Werbeagentur und war hingerissen von der Lebensfreude muslimischer Freunde, von der romantischen Vorstellung, dass das Leben nicht bloß Zufall ist, sondern von Gott vorherbestimmt. Auch der Glaube an die eine, große, schicksalhafte Liebe fasziniert sie. „Vielleicht war dieses Denken in meiner wissenschaftlich-rationalen Familie verschüttet“, sagt sie und gießt Salbei-Tee in Plastikbecher.

Einmal nahmen spanische Freunde sie mit in ein Dorf zu einem Gottesdienst von Sufis, einer meditativ-philosophischen Richtung im Islam. Die Großfamilie hatte sich versammelt. Reihum lasen sie den Koran, sangen, spielten ihre Instrumente. Mal priesen sie laut Gott, mal waren sie ganz still. Sie nahm teil, es riss sie mit. „Ein tolles Erlebnis“, sagt sie.

Auch die Geschichten über den Propheten Mohammed öffneten ihr Herz. Der christliche Glaube an die Erbsünde und den dreieinigen Gott hatten ihr nie eingeleuchtet. Der Islam kam ihr so klar vor. Während andere Schwestern in der Moschee das Regelhafte am Islam beeindruckt, gefallen Franziska Ratsch gerade die pragmatischen Ratschläge Mohammeds. Sie erzählt die Geschichte von dem jungen Mann, der im Ramadan zum Propheten kommt und beklagt, dass er seine Frau nicht vor Sonnenuntergang berühren darf. Ob nicht wenigstens ein Küsschen drin sei? Besser nicht, antwortet Mohammed, man wisse nie, was danach passiere. Ein älterer Mann kam mit der gleichen Frage. Ihm erlaubte der Prophet den Kuss, weil er wusste: Da passiert nichts.

Als das halbe Jahr in Spanien vorbei war, vermisste Franziska Ratsch die Freunde, die Klänge, die andalusische Architektur. Sie grübelte viel, fragte sich, ob sie etwa doch religiös sei. Und entschied: Ja. „Das war ein befreiendes, beschwingtes Gefühl.“ Das islamische Glaubensbekenntnis sprach sie mit Freunden in einem Café in Prenzlauer Berg, so nebenbei. Das Gefühl war ihr wichtig, weniger die Form. Richtig heimisch ist Franziska Ratsch in der Weddinger Moschee nicht geworden. Die Macho-Art vieler arabischer Männer nervt sie. So intensiv, wie sie es derzeit tut, wird sie sich wohl nicht ewig in der Moschee engagieren. Aber jetzt ruft der Muezzin. Die junge Frau geht ins Bad, wäscht sich und hüllt sich so in den Schal, dass er Kopf, Hals und Brust bedeckt. Dann eilt sie in den Moscheeraum.

Für die Muslime in der Al-Nur-Moschee würde Franziska Ratschs Denken an Blasphemie grenzen. Die Gemeinde in Neukölln sitzt ebenfalls in einem früheren Bürogebäude. Die Gläubigen hier behaupten, den „wahren Islam“ zu leben. Sonntags kommen einige hundert Männer und Frauen in getrennten Etagen zusammen, um dem jungen Prediger Abdul Adhim zuzuhören. Er lobt die Selbstverwirklichung der Frau als Mutter, warnt vor der Hölle und preist die Vorzüge eines Lebens „jenseits von Geld, Macht und Gelüsten“. Das kommt an. Die Al-Nur-Gemeinde ist eine der am schnellsten wachsenden in Berlin. Im Internet wirbt sie mit ihren vielen Konvertiten. Rund hundert Frauen haben sich an diesem Sonntag versammelt, sie sitzen in der oberen Etage, plaudern und spielen mit Kindern. Viele Frauen haben knöchellange Gewänder an, ihr Haar ist bedeckt. Einige tragen Handschuhe und Gesichtsschleier, die sie nur für das Küsschen mit der Freundin lupfen.

Auch die 42-jährige Schwester Jasmin ist gekommen. Früher hieß sie Ulrike. Bei einem Stück Nusskuchen klagt sie über den Leistungsdruck in ihrer Familie. Alles habe sich um Karriere und Geld gedreht. Vor zwölf Jahren lernte sie in einer Disko ihren tunesischen Mann kennen und über ihn den Islam. In der Familie und in der Moschee sei sie von Anfang an herzlich aufgenommen worden, hier habe sie neue Freunde gefunden. „Dadurch bin ich frei geworden von materiellen Dingen und habe Barmherzigkeit erfahren“, sagt sie.

Die Angst vor dem Versagen hat aber auch die neue Religion nicht heilen können. Jasmin glaubt, „dass der Weltuntergang bald kommt“, und sie hat „große Angst“ vor der Hölle. Deshalb bemüht sie sich, alle Regeln zu befolgen. Aber immer wieder stößt sie auf ungeklärte Fragen. Zuerst dachte sie, sie dürfe ihre Eltern nicht mehr sehen. Die Al-Nur-Gemeinde gehört zu den Salafiten, die das islamische Recht ähnlich rigoros wie die saudischen Wahhabiten auslegen. Auf Salafiten-Internetseiten ist zu lesen, dass, wer mit einem Ungläubigen befreundet ist, selbst ungläubig wird. Aber was ist mit den ungläubigen Eltern? Abdul Adhim beruhigte sie: Es gebe schließlich das Gebot, Vater und Mutter zu ehren.

Gegen die Regel, dass Frauen nur arbeiten sollen, wenn das Geld des Mannes nicht reicht, hat Jasmin nichts. Und dass der Mann die Frau schlagen darf, wenn sie ihm nicht gehorcht und vom rechten Weg abweicht, das gelte ja nur im „allerletzten Fall“, wenn sonst nichts helfe. Ihr selbst drohe derlei sowieso nicht, denn sie, die Konvertierte, sei viel frommer als ihr Mann. Der nehme es mit der Religion nicht so ernst und gehe auch nicht in die Moschee. „Das macht mir große Sorgen“, sagt Jasmin. Sie würde ihren Mann gerne vor der Hölle retten. Aber bislang haben ihre Gespräche nicht gefruchtet.

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