Koordinierungsrat : "Versammlung muslimischer Stammesführer"

Die Soziologin Necla Kelek hat den neu gegründeten Koordinierungsrat der Muslime in einem Zeitungsartikel scharf angegriffen. Der Rat repräsentiere nicht die in Deutschland lebenden 3,2 Millionen Muslime.

Hamburg - Kurz vor der zweiten Islam-Konferenz mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist die Auswahl der Teilnehmer in die Kritik geraten. Der neu gegründete Koordinierungsrat der Muslime, der vier islamische Dachverbände bei der Konferenz vertritt, wurde von der Soziologin Necla Kelek als "Versammlung muslimischer Stammesführer" kritisiert. "Er ist eine Fassade ohne Haus", da er nur ein Zehntel der hier lebenden 3,2 Millionen Muslime vertritt, schrieb die Autorin Kelek ("Die fremde Braut") in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Kelek ist ebenfalls Mitglied der Islam-Konferenz.

Der türkisch-stämmige Autor Feridun Zaimoglu ("Leyla") betonte, er würde seinen Stuhl bei der Konferenz "sehr gerne räumen" für eine junge Muslimin, die freiwillig und selbstbewusst ein Kopftuch trägt.

"Überzogene Erwartungen"

Auch Schäuble hatte am Wochenende vor "überzogenen Erwartungen" an die zweite Konferenz Anfang Mai in Berlin gewarnt. Der Rat spreche nicht für alle Muslime in Deutschland. Sein schleswig-holsteinischer SPD-Kollege Ralf Stegner hatte argumentiert, dass der Koordinierungsrat "nur einen kleinen Teil der Muslime - vor allem die strenggläubigen Moscheegänger" repräsentiere. "Es gibt eben keine Kirche im Islam, und dafür bin ich dankbar", betonte Zaimoglu. Schäuble habe kirchenähnliche Strukturen gefordert, die gebe es nun, "aber da sind nun eben viele Moslems nicht dabei - so einfach ist das".

"Das Problem der Repräsentation ist ähnlich wie in der Kirche: Wie viele Christen vertritt tatsächlich die evangelische und katholischen Kirche?", gab der Islamwissenschaftler Werner Schiffauer von der Universität Frankfurt/Oder zu bedenken. Dennoch hielte er es für einen "wichtigen, symbolischen Schritt", wenn der Islam jetzt als Religionsgemeinschaft anerkannt würde. Es würde zeigen, dass der Islam vom Staat respektiert wird. Schäuble hatte allerdings klar gemacht, dass dies noch einige Zeit dauern werde.

"Zu Problemfällen aufgebauscht"

"Ich möchte wirklich eine junge, moderne Frau dort in dem Gremium sehen, die sich aus freiem Willen bedeckt", sagte Zaimoglu weiter. Er kritisierte, dass diese Frauen von konservativen muslimischen Männern, aber auch von "so genannten Islamkritikern" diffamiert würden. "Hier werden Frauen, die genau wissen, was sie wollen, zu Problemfällen aufgebauscht." Kelek warf dem Koordinierungsrat in ihrem Beitrag auch vor, die Ungleichbehandlung von Frauen in Gesellschaft und Recht bewahren zu wollen.

Zaimoglu kritisierte, dass der Islam in der Öffentlichkeit meist in zwei Lager - gut und böse - geteilt werde. "Die Bösen sind die Orthodoxen, Konservativen, und die Guten, das sind die Nicht-Organisierten und so genannten Islam-Kritiker." Das sei jedoch eine "plumpe Weltsicht". Sie zeuge von Unkenntnis der Strukturen des Islam und von Sturheit. Er selber beobachte auf Seiten der "Aufklärer" eine viel größere Hysterie als auf Seiten der Gläubigen. (tso/dpa)

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