Kopenhagen : Afrikaner fordern 2000 Milliarden Euro fürs Klima

G-77-Gruppe will wegen "historischer Schuld" der Industrieländer viel Geld – und neue Kyoto-Ziele

Dagmar Dehmer

Berlin - Dass die Afrikanische Gruppe beim Weltklimagipfel in Kopenhagen kein einfacher Verhandlungspartner werden würde, war abzusehen. Die Gruppe hat den äthiopischen Premierminister Meles Zenawi, der am Mittwoch in der dänischen Hauptstadt erwartet wird, zum Verhandlungsführer ernannt, und schon vor dem Gipfel klargemacht, dass es nicht nur um neue Klimaschutzziele gehen würde, sondern auch um viel Geld. Am Montag blockierte die Afrikanische Gruppe die Verhandlungen und verlangte, dass sich zunächst die Industrieländer im verbindlichen Kyoto-Protokoll zu neuen Klimazielen verpflichten müssten.

Auch der Verhandlungsführer der Gruppe der Entwicklungsländer (G 77), der Sudanese Lumumba Di-Aping hat die Latte für den Erfolg sehr hoch gehängt. Er verlangte eine Summe von jährlich bis zu fünf Prozent der Wirtschaftsleistung der Industriestaaten „wegen ihrer historischen Schuld und weil sie auch weiterhin Schaden anrichten“. Er brachte eine Summe von jährlich etwa zwei Billionen US-Dollar für die Anpassung an den Klimawandel, den klimafreundlichen Um- beziehungsweise Aufbau der Ökonomien in Entwicklungsländern und für den Technologietransfer ins Gespräch. Seriösere Schätzungen des Finanzbedarfs gehen von rund 100 Milliarden Dollar jährlich aus, die 2020 zum ersten Mal in dieser Höhe zur Verfügung stehen müssten.

Entwicklungs- und Umweltorganisationen bemühten sich am Montag in ihren offiziellen Stellungnahmen um Solidarität. So sagte Kim Carstensen vom WWF: „Der verbindliche Charakter des Kyoto- Protokolls gibt Entwicklungsländern das Vertrauen, dass die Gespräche nicht als unverbindliche Debatte enden.“ Jeremy Hobbs von Oxfam meinte, die Afrikaner hätten die Reißleine gezogen, damit der Verhandlungszug nicht am Ende der Woche einen Totalschaden erleide.

Allerdings drängte sich vielen im informellen Gespräch der Verdacht auf, dass die Afrikanische Gruppe gar nicht um ihre eigenen Interessen kämpft. Das Kopenhagen-Abkommen wird in zwei Verhandlungssträngen erarbeitet: Die Staaten, die das Kyoto-Protokoll ratifiziert haben, verhandeln über eine zweite Verpflichtungsperiode zur Verminderung ihrer Treibhausgasemissionen. Im zweiten Verhandlungsstrang unter der unverbindlicheren Klimarahmenkonvention verhandeln die USA mit. Dort soll es auch um verpflichtende Klimaschutzbeiträge der USA und Schwellenländer gehen. Mit der Forderung, die Verhandlungen des Kyoto-Strangs zuerst abzuschließen, würden die USA aus der Verantwortung entlassen; China und Indien könnten sich dann weigern, eigene Klimaschutzverpflichtungen einzugehen, ohne dass ihnen ein Scheitern eines Kopenhagen-Abkommens alleine zugeschrieben werden könnte.

Doch auch die Nichtregierungsorganisationen machen Druck auf die Industrieländer. Beim Klimaschutzindex 2010, den Germanwatch am Montag veröffentlichte, rutschte Deutschland vom fünften auf den siebten Platz, während sich Brasilien auf den vierten Platz verbesserte. Die ersten drei Plätze blieben wie in den Vorjahren unbesetzt. Germanwatch kritisiert insbesondere, dass Deutschland strenge Kohlendioxid-Grenzwerte für Autos in der Europäischen Union verhindert habe und mit seiner Klimapolitik bis 2020 höchstens eine Treibhausgasminderung um etwa 30 Prozent im Vergleich zu 1990 erreichen könne; das deutsche Klimaziel sind minus 40 Prozent. Dagegen verbesserte sich Großbritannien wegen seines neuen Klimaschutzgesetzes vom neunten auf den sechsten Platz.

Spitze sind die Deutschen auf einem anderen Feld: Von den 1243 Festgenommenen bei drei Klimademonstrationen waren 335 Deutsche. Das teilte die dänische Polizei mit. Vier Deutsche wurden ausgewiesen. Zwei Frauen blieben in Untersuchungshaft, während die anderen „vorbeugend“ festgenommenen Demonstranten freigelassen wurden. (mit dpa)

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