Kopenhagen : Klimagipfel: Ein Vorrat an heißer Luft

Bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen schlägt die Stunde der Rechenkünstler – fürs Klima könnte das fatale Folgen haben.

Bernhard Pötter[Kopenhagen]
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Die Quadratur des Globus. Rechnet man allerlei Schlupflöcher ein, ergibt sich für die Industrieländer ein Emissionsziel von plus...X00910

Hochprozentiges ist in Kopenhagen schwer zu bekommen. Das gilt nicht nur für die skandinavische Gastronomie. Das gilt vor allem für die Klimaverhandlungen. Denn am Beginn der entscheidenden zweiten Woche, in der die Umweltminister am Dienstag mit ihren eigentlichen Verhandlungen begannen, bewegen sich die Zusagen für Emissionsreduzierungen und Finanzhilfen immer noch im niedrigen Bereich.

Umweltgruppen rechnen vor, dass alle bisherigen Zusagen für Emissionsreduzierungen zusammen zwischen 13 und 19 Prozent bis 2020 liegen. Das klingt nicht schlecht, wenn man daran denkt, dass zwischen 25 und 40 Prozent für diesen Zeitpunkt gebraucht werden, um einen galoppierenden Klimawandel zu verhindern. Aber es klingt nicht gut, wenn man die Schlupflöcher abrechnet, die sich überall in diesen Versprechen auftun. Kalkuliert man diese genauer, wie es die NGO Germanwatch tut, kommt man zu einem ernüchternden Ergebnis: „Mit den Schlupflöchern ergibt sich für die Industrieländer ein Emissionsziel von plus zwei bis minus fünf Prozent bis 2020“ (während das Kyoto-Protokoll eine Reduktion von 5,2 Prozent von 2008 bis 2012 fordert). „Die Emissionen“, warnen die Klimaschützer, „könnten im ungünstigsten Fall also sogar noch höher ausfallen, als sie 1990 waren.“

Ein Beispiel für solche kreative Buchführung ist die Waldpolitik. Die Frage, wie viel von der Kohlendioxidspeicherung in Pflanzen sich die Länder anrechnen lassen können, um ihren Ausstoß aus Schornsteinen und Auspuffen auszugleichen, bewegt die Klimapolitik seit langem. Jetzt haben einige Industrieländer vorgeschlagen, die Berechnungsweise so zu verändern, dass sie sich mehr dieser pflanzlichen Leistung auf ihre Emissionsbudgets anrechnen lassen können. „Die Niveaus, die etwa Schweden, Österreich und Finnland vorgeschlagen haben, würden bedeuten, dass Emissionen nicht gezählt würden, die etwa 20 Prozent ihrer gesamten Emissionen aus 1990 entsprechen“, warnt Thomas Spencer von Germanwatch.

Der nächste Zahlentrickserei droht aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Diese haben sich durch den Zusammenbruch ihrer Volkswirtschaften einen großen Vorrat an „heißer Luft“ zugelegt, weil ihre Reduktionszahlen im Kyoto-Protokoll noch auf der sozialistischen Energieverschwendung beruhten. Diese 7,5 Milliarden Tonnen CO2, die der Atmosphäre erspart blieben, konnten Russland und seine früheren Partner in der Vergangenheit beim zwischenstaatlichen Emissionshandel an den ehemaligen Klassenfeind versilbern. Wenn das weiter erlaubt sei, warnt ein Papier von Germanwatch und Heinrich-Böll- Stiftung, „sind die Reduktionsziele der Industrieländer fünf bis sieben Prozentpunkte weniger wert als auf dem Papier“. Solche Schlupflöcher helfen nicht dem Klima, „aber den Regierungschefs, hohe Zahlen zu präsentieren und doch wenig zu tun“.

Die beste Gelegenheit dafür kommt aber von anderer Stelle: von der aktuellen Krise der Weltwirtschaft. Der Rückgang der Industrieproduktion, des Verkehrs und der Konsumnachfrage hat nach der Einschätzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) 2009 die globalen CO2-Emissionen um drei Prozent sinken lassen – „ein Rückgang, wie es ihn in 40 Jahren noch nicht gab“, schreibt die IEA in ihrem „World Energy Outlook“. Das eröffne auch Chancen, weil Dutzende von Investitionsentscheidungen in Raffinerien oder neue Kohlekraftwerke auf Eis gelegt oder gestrichen wurden. Die Krise und teilweise auch die grünen Anreizprogramme in den Anti-Krisen-Paketen haben nach diesen Zahlen dazu geführt, dass die CO2-Emissionen im Jahr 2020 um ganze fünf Prozent niedriger liegen als bisher berechnet.

Für die Industriestaaten bedeutet das: Sie stehen plötzlich klimapolitisch besser da, als sie es verdienen. Aufgrund der IEA-Daten haben Organisationen wie New Energy Finance oder das International Institute for Applied System Analysis (IIASA) errechnet, was diese Entlastung bedeutet: Das EU-Ziel von minus 30 Prozent sei „203 Milliarden Euro billiger zu erreichen“ und bewirke ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent wegen der gesparten Kosten für Energie. Vor allem aber könnten „zum gleichen Preis in der EU statt 17 jetzt 27 Prozent CO2-Emissionen reduziert werden“.

Die spannende Frage ist: Was machen die Regierungen aus diesen Zahlen? Am Dienstagabend, bei der feierlichen Eröffnung der offiziellen politischen Verhandlungen, warnte die Präsidentin der Konferenz, Connie Hedegaard, vor einem Scheitern der Gespräche. Das Schlüsselwort für die nächsten Tage laute „Kompromiss“, sagte sie.

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