Kopenhagen-Konferenz : Internationale Energiebehörde ruft zu Klimawende auf

Die IEA appelliert an die Industriestaaten, sich zu einer wirksamen Klimapolitik zu verpflichten. Das kostet viel. Doch auch Nichtstun wird teuer.

Alexandra Endres

"Von Kopenhagen muss ein Signal ausgehen" sagt Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energiebehörde (IEA). "Es ist entscheidend, dass die OECD-Länder sich dort klar für eine effektive Klimapolitik festlegen, selbst wenn kein detailliertes Abkommen erreicht werden kann."

In vier Wochen beginnt die Klimakonferenz in Kopenhagen. Auf dieser will die internationale Gemeinschaft ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll aushandeln. Die Welt hofft auf einen Durchbruch in der Klimapolitik. Doch es scheint unwahrscheinlich, dass er gelingt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat vor kurzem wissen lassen, es werde wohl keinen Vertrag geben. Die USA, einer der größten Verschmutzer der Atmosphäre, wollen sich keinen international bindenden Verpflichtungen unterwerfen.

Birol fordert dennoch unverdrossen einen tiefgreifenden Wandel in der Energiepolitik. Der Ökonom bereiste in den vergangenen Wochen alle maßgeblichen Länder, um der Politik die Dringlichkeit der Lage klar zu machen: "Es geht um eine ernste Sache. Das ist kein Spiel."

Schon vor der offiziellen Veröffentlichung ihres Weltenergieberichts während der Kopenhagen-Vorbereitungskonferenz in Bangkok forderte die IEA die verhandelnden Staaten zu weitreichenden Investitionen auf: Man brauche mehr saubere Energie, etwa in der Stromerzeugung – dazu rechnet die IEA auch die umstrittene Kohlendioxidspeicherung unter der Erde (CCS) und die Atomkraft – oder im Individualverkehr. Man müsse Energie effizienter nutzen und zudem die Entwicklungsländer mit Geld und Technologie unterstützen.

Das alles ist teuer. Die Zahlen, zu denen die IEA in ihrer Prognose kommt, sind weit höher als die Ergebnisse anderer Berechnungen, etwa jene des britischen Ökonomen Nicholas Stern: 10,5 Billionen Dollar müssten bis 2030 investiert werden, um einen Wandel zu erreichen, sagt Birol. In Zahlen: 10.500.000.000.000 Dollar.

Doch es gibt keinen billigen Ausweg. Jedes Jahr, das man jetzt verliere, mache den Kampf gegen den Klimawandel um weitere 500.000.000.000 Dollar teurer, sagt Birol. "Eine Verspätung von nur einigen wenigen Jahren würde das Ziel wahrscheinlich komplett außer Reichweite schieben", heißt es im Weltenergieausblick. Falls die Klimawende nicht gelinge, müsse die Welt die Kosten steigender Energiepreise und jene der Erderwärmung tragen. Die Energieausgaben der Europäischen Union würden sich in diesem Fall bis 2030 verdoppeln, schätzt die IEA.

Sämtliche Prognosen des neuen Weltenergieausblicks hängen davon ab, ob die Wende in der Klimapolitik gelingt. Mache die Welt weiter wie bisher, werde ihr Energiebedarf in den kommenden 20 Jahren um 2,5 Prozent jährlich zunehmen, angetrieben vor allem vom wachsenden Hunger nach Strom, warnt die IEA.

Auch die Nachfrage nach Erdöl werde dann wachsen. Zwar nicht in den OECD-Staaten, aber in den Entwicklungsländern und damit weltweit. Für den Fall des business as usual sagt die Agentur für das Jahr 2015 einen Ölpreis von 100 Dollar je Fass voraus, für 2030 von 190 Dollar je Fass. Doch selbst für den Fall einer Klimawende gelte, sagt Birol: "Die Zeit des billigen Öls ist vorbei".

Dabei hat die Rezession den Hunger der Weltwirtschaft nach Energie bereits gedämpft. Doch auch die Investitionen in die Erschließung neuer Quellen sind 2009 zurückgegangen: allein im Öl- und Gassektor um 19 Prozent, schätzt die IEA. "Das könnte in einigen Jahren die Preise erneut in die Höhe treiben, wenn die Nachfrage sich wieder erholt, und das weltweite Wirtschaftswachstum begrenzen." Zugleich steige die Abhängigkeit der OECD-Staaten von den Ländern der OPEC .Im kommenden Jahr werde die Ölförderung außerhalb des Kartells ihren Höhepunkt erreichen, schätzt die IEA.

Wie genau die Prognosen der Agentur sind, ist zwar umstritten: Kurz vor der Veröffentlichung des neuen Ausblicks berichtete der britische Guardian, die IEA habe den weltweiten Ölvorrat lange Zeit auf Druck der USA hochgerechnet. Doch ihre zentrale Botschaft wird dadurch eher noch dringlicher: Die Welt muss lernen, mit weniger Energie zu wirtschaften, und zwar schnell. "Die Rettung des Planeten kann nicht warten", heißt es im Bericht der IEA.

Quelle: ZEIT ONLINE

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