Politik : „Kopftücher hier seltener als in Frankreich“

Andrea Dernbach

Herr Koopmans, Sie forschen über die Integration von Migranten im europäischen Vergleich. Wie macht es Deutschland?

Nicht so schlecht wie oft behauptet. Es gibt hier zwar einen rabiaten Rechtsextremismus, außerdem sind ihre Möglichkeiten politischer Teilnahme stark eingeschränkt, weil es ihnen schwer gemacht wird, die Staatsbürgerschaft zu bekommen. Ihre Integration auf dem Arbeitsmarkt ist aber relativ gut, das heißt, ihre Arbeitslosenquote unterscheidet sich weniger dramatisch als etwa in Frankreich oder den Niederlanden von der der Mehrheitsgesellschaft. Und sie sind räumlich nicht so segregiert wie anderswo.

Das heißt, die oft beschworene Parallelgesellschaft ist gar kein so riesiges Problem?

Das könnte man sagen. Jedenfalls sind die deutschen Wohngebiete mit hohem Migrantenanteil im europäischen Vergleich ziemlich gut gemischt. Auch das Sozialkapital von Migranten, also die Beziehungen, die sie zu ethnischen Deutschen über Vereine, Arbeit, Nachbarschaftskontakte knüpfen, ist relativ hoch.

Ralph Giordano behauptet, die Integration hierzulande sei komplett gescheitert.

Natürlich ist die Integration noch lange nicht gelungen, und Herr Giordano hat recht, wenn er diese Problematik als eine Schicksalsfrage unserer Zeit einstuft. Von einem Scheitern zu sprechen, ist aber eine rhetorische Übertreibung, die nicht von den Tatsachen gestützt wird. Was die sozioökonomische Integration und räumliche Segregation betrifft, ist die Lage in Deutschland wie gesagt gar nicht so dramatisch im Vergleich zu anderen Ländern. Im Bereich der kulturellen Integration, der bei Giordano im Mittelpunkt steht, schneidet Deutschland sogar überdurchschnittlich gut ab, gerade auch bei den Muslimen. Unsere laufende Studie zu Türken in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zeigt, dass die deutschen Türken weniger religiös orientiert sind. Sie gehen weniger oft in die Moschee, gehen lockerer mit religiösen Vorschriften wie dem Ramadan oder den Speisevorschriften um und, anders als Giordanos Äußerungen es vermuten lassen, tragen deutschtürkische Frauen nicht öfter, sondern weniger oft ein Kopftuch als französische und niederländische Türkinnen. Was in Deutschland bisher aber bei manchen Publizisten und Politikern fehlt, ist die Anerkennung, dass es in einer liberalen Demokratie keine Ungleichbehandlung zwischen den einzelnen Religionen geben kann. In dem Bereich hat Herr Giordano wohl noch einiges an Integrationsarbeit bei sich selbst zu leisten.

Sie kommen aus einem Land, das in Europa als Multikulti-Dorado galt, bis zu den Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh. Was ist schiefgelaufen?

Ich fürchte, dass sich gerade die starke Betonung und Anerkennung kultureller Unterschiede unbeabsichtigt negativ auf die soziale und wirtschaftliche Integration der Migranten ausgewirkt hat und damit interethnische und interreligiöse Spannungen hat wachsen lassen. Ihr Sonderstatus scheint die Migranten von der Mehrheitsgesellschaft zu isolieren – trotz ihrer vielen kulturellen und religiösen Rechte sind Einwanderer in den Niederlande wirtschaftlich und sozial mit am schlechtesten dran. Multikulturalismus scheint in den hoch entwickelten Wohlfahrtsstaaten kontraproduktiv zu sein, während er in Ländern mit schwachem Sozialstaat besser funktioniert, in England oder in Kanada und den USA.

Wie erklären Sie das?

Weil Einwanderer in Ländern mit schwachem Sozialstaat auf sich selbst angewiesen sind und somit starke Anreize haben, sich die Kenntnisse und Fähigkeiten – wie Sprache, Vertrautheit mit der Mehrheitskultur und eine gute Ausbildung – zu eigen zu machen, die notwendig sind, um zu überleben. In westeuropäischen Sozialstaaten fehlt aber dieser Druck des Marktes, und so hat fehlende sprachliche und kulturelle Integration zu Abhängigkeit von Sozialleistungen geführt.

Das Gespräch führte Andrea Dernbach

Ruud Koopmans (46), Direktor der neuen Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung am Wissenschaftszentrum Berlin. Zuvor war er Professor an der Vrije Universiteit Amsterdam.

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