Politik : Koran von unten

Experten schildern Parlamentariern die Widersprüche von Scharia und Menschenrechten – und wie die Muslime sie überwinden

Jost Müller-Neuhof

Die Frage, ob Islam und Menschenrechte vereinbar sind, ist ein für alle Mal vom Tisch. Sie sind es. Der Nobelpreis für die iranische Anwältin Schirin Ebadi hat sie beantwortet. Der so spricht, ist Heiner Bielefeldt, Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte. So klar wie ihm dürfte das jedoch den wenigsten sein. Fragen gibt es zum Islam hier zu Lande immer noch mehr als Antworten. Deshalb hat der Menschenrechtsausschuss des Bundestags jetzt vier Experten zu einer öffentlichen Anhörung gebeten: neben Bielefeldt Nadjma Yassari vom Max-Planck-Institut für internationales Privatrecht, Silvia Tellenbach vom Max-Planck-Institut für internationales Strafrecht und die malaysische Rechtsprofessorin Norani Othman.

Aufklärung tut Not, meinen die Abgeordneten. Auf den Koran gründen muslimische Länder ihr Rechtssystem. Ein Hindernis, um Meinungs- und Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und den absoluten Schutz der Menschenwürde durchzusetzen?

Zumindest ein Problem. Auspeitschen, Handabhacken, die Steinigung von Ehebrecherinnen, Diskriminierung von Andersgläubigen und Homosexuellen – dieses Bild beherrscht den westlichen Blick auf die Scharia, die islamische Rechtsordnung. Und keiner der Experten bestreitet, dass die Scharia so auch exekutiert wird. Aber das mache sie nicht automatisch schlecht und falsch, meint Norani Othman. Scharia bedeute wörtlich „Weg“, betont sie. Die 80 von 700 Koranversen mit Rechtsqualität seien wenig, sagt sie, ihre Interpretation sei alles.

Dennoch gibt es Gewissheiten. Die Todesstrafe sei im Islam so gottgewollt wie ein natürlicher Tod, etwa durch Krankheit, erläutert Tellenbach. Die Abkehr vom Islam ist verboten. Frauen werden benachteiligt, etwa im Familien- und Erbrecht. Man darf zwar seine Meinung sagen, aber nicht gegen Allah. Und über allem schwebt, dass ein Staat, in dem zur Mehrheit Muslime leben, ein Gottesstaat zu sein hat.

So weit die Theorie, die Praxis sehe anders aus, meinen die Forscher. Die Muslime wollten kein strenges Recht. Die einzigen, die die Scharia kodifizieren wollen, seien die Fundamentalisten, sagt Bielefeldt, eine Minderheit, wie die Experten überzeugt sind. Es gebe sonst fast überall Tendenzen, aus dem Gefängnis der Theokratie auszubrechen. Menschenrechte seien zudem kein westliches Produkt, betont die in Teheran geborene Yassari. Die jungen Iraner – immerhin 70 Prozent seien unter 35 Jahren alt – arbeiteten darauf hin, sie mit ihrer Religion zu versöhnen. „Die jungen Leute wollen die Politik vom Islam befreien. Aber nicht um den Staat, sondern um die Religion zu retten“, sagt sie.

Dennoch haben die göttlichen Gesetze Ewigkeitscharakter. „Man kann sie nicht einfach per Mehrheitsbeschluss abschaffen“, sagt Tellenbach. Nur wird unter dem Druck der Modernisierung nach Auswegen gesucht, die auch uns nicht fremd sind, wenn Vorschriften als störend empfunden werden: Man wendet sie nicht mehr an. Die Kreuzigung, eine an sich ur-islamische Strafe, gebe es nicht mehr, sagt Tellenbach, obwohl sie in Iran oder Jemen noch im Gesetzbuch steht. Körperstrafen würden seltener, die Steinigung habe etwa Iran vor einem Jahr per Justiz-Dekret ausgesetzt.

Die vier Islam-Experten warnen davor, einen kulturellen Graben zwischen Orient und Okzident zu ziehen. Die Gräben im Kampf um die Menschenrechte verliefen ohnedies in den Ländern selbst. Westliche Politiker sollten sich nicht einmischen, raten sie, aber immer Gespräche anbieten. Bevormundung akzeptierten die Menschen nicht, sagt Heiner Bielefeldt. „Auch wir befinden uns in Sachen Menschenrechten noch in einem Lernprozess“, meint er und verweist auf die katholische Kirche in den letzten 50 Jahren.

Ach ja, fragt ein Abgeordneter, und das Kopftuch? „Vergessen Sie das Kopftuch“, sagt Nadjma Yassari. Jeder deute es anders. Es sei auch nicht wichtig. Wichtig sei, sagt sie, das Kopftuch in Kreuzberg nicht mit der Frage zu vermischen, ob eine Frau in Iran Richterin werden dürfe oder nicht.

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