Politik : Korea-Gipfel: Der Anfang vom Ende Nordkoreas (Kommentar)

Harald Maass

Wahrscheinlich können sich nur wenige Nordkoreaner vorstellen, was Frieden bedeutet. Für die Bewohner dieses bizarren, von der Außenwelt abgeschotteten Landes war der Korea-Krieg auch nach dem Waffenstillstandsabkommen von 1953 nie wirklich vorbei. Fast vier Millionen Nordkoreaner, ein Fünftel der Bevölkerung, stehen unter Waffen. In den Staatsmedien hören die Menschen jeden Tag Warnungen vor angeblichen Angriffen der "Imperialisten" - damit sind die USA und der Süden gemeint. An den Straßen stehen Panzersperren. In Schulen und Betrieben werden wöchentlich Schutzübungen abgehalten. Nordkorea ist eine Gesellschaft im ständigen Kriegszustand. Kann da die Führung ernsthaft von Frieden reden?

Es gibt viele Gründe, den Korea-Gipfel in Pjöngjang als ein Signal der Hoffnung zu sehen, vielleicht sogar als einen Durchbruch. Lange war befürchtet worden, dass Nordkorea die historische Reise des südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung nur als Gelegenheit missbrauchen würde, mehr Wirtschaftshilfe für ihr bankrottes System einzufordern. Als letztes Land der Erde hält Nordkoreas "Geliebter Führer" Kim Jong Il bis heute bedingungslos an der Planwirtschaft fest. Er hat sein Volk damit in eine Katastrophe geführt. Die Produktion ist fast zum Stillstand gekommen. In Pjöngjang, einer im Größenwahn hochgezogenen Supermetropole, funktionieren weder Stromversorgung noch Heizung. Viele leiden Hunger. Ohne Hilfe von außen wäre Nordkorea längst zusammengebrochen. Humanitäre Hilfsorganisationen haben in den vergangenen zwei Jahren wahrscheinlich den Hungertod Hunderttausender verhindert.

Der größte Geber ist jedoch China, das den einstigen Bruderstaat heimlich mit beträchtlichen Getreide- und Erdöllieferungen am Leben erhält. Allerdings haben auch die Genossen in Peking kein Verständnis mehr für Pjöngjangs Betonsozialismus.

Natürlich verlangt Pjöngjang auch beim Korea-Gipfel Hilfslieferungen. Seoul ist dazu bereit. Allerdings braucht Kim Dae Jung, der wegen seiner "Sonnenscheinpolitik" von den Konservativen im Süden kritisiert wird, dafür Zugeständnisse: Sollte Pjöngjang, wie sich am Mittwoch andeutete, wirklich einer weitreichenden militärischen Entspannungspolitik, gegenseitigen Familienbesuchen und einer Annäherung Richtung Wiedervereinigung zustimmen, wird der reiche Süden nur zu gerne zahlen. Einen plötzlichen Zusammenbruch des Nordens könnte der Süden finanziell und organisatorisch kaum bewältigen. Seoul hofft auf schrittweise Reformen und eine Öffnung des Regimes, so wie das in China gelang.

Diese Öffnung scheint sich jetzt anzudeuten. Statt nur die Hand aufzuhalten und das Programm oberflächlicher Gipfelsymbolik abzuspulen, hat Kim Jong Il erstaunliches persönliches Engagement gezeigt. Zum ersten Mal in der Geschichte seines Landes fuhr er persönlich zum Flughafen, um einen Staatsgast zu begrüßen. Auf der gemeinsamen Fahrt in die Stadt hielt er im Auto die Hand des südkoreanischen Präsidenten. Kein Protokoll hat ihn dazu verpflichtet. Das allein ist schon ein Wandel. Ebenso die Berichterstattung in den nordkoreanischen Staatsmedien über den Gipfel: Statt von der "Marionettenregierung der USA", wie Pjöngjang den Süden bis vor kurzem nannte, konnten die überraschten Nordkoreaner erstmals von einem "Präsidenten Kim" aus Südkorea lesen.

Wahrscheinlich ist dies das bemerkenswerteste Ergebnis des Gipfels. Zum ersten Mal seit dem Krieg zeigt Pjöngjang seinem Volk den Süden nicht mehr als Bedrohung, sondern als legitime Regierung und Verhandlungspartner. Damit stellt Pjöngjang einen Teil seiner Herschaftsgrundlage in Frage: Bisher war die angebliche Bedrohung durch die USA und den Süden der Kitt, der das Land zusammenhielt. Deshalb musste man über die Bereicherung des Militärs hinwegsehen. Das Embargo der "Feinde" war schuld, dass die Menschen Hunger leiden mussten. Dem Regime gehen die Erklärungen aus. Wenn die beiden Koreas jetzt wirklich aufeinander zugehen, wird der Norden seinem Volk einiges zu erklären haben.

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