Politik : Korea-Gipfel: Die Einheit, die keiner will (Leitartikel)

Harald Maass

Als ein "Zeugnis der Weisheit" begrüßt US-Präsident Bill Clinton den Korea-Gipfel. Tokio sichert die "volle Unterstützung" zu, Chinas Staats- und Parteichef Jiang Zemin wünscht "rasche Fortschritte". Wenn sich ab nächster Woche die beiden koreanischen Führer Kim Jong Il und Kim Dae Jung zum ersten Mal gegenüberstehen, wird es offiziell zwar um Frieden und Entspannung gehen. Einen Durchbruch in der seit fünf Jahrzehnten schwelenden Dauerkrise sollte man jedoch nicht erwarten: An einer raschen Wiedervereinigung haben weder die Großmächte noch die Beteiligten ein Interesse.

Den USA kommt der Korea-Gipfel ungelegen. Seit dem Koreakrieg (1950-53) hat Washington ein großes Militärkontingent in Südkorea stationiert, derzeit etwa 37 000 Elitesoldaten. Sollte sich die Lage auf der koreanischen Halbinsel entspannen, müssten die USA dem Druck Chinas nachgeben und ihre Kasernen dichtmachen. Washington, das sich als militärische Schutzmacht in Ostasien sieht, würde einen seiner wichtigsten Stützpunkt in der Region verlieren.

Skeptisch stehen auch die Regionalmächte Japan und China den Entwicklungen in Korea gegenüber. Peking, das im Koreakrieg noch an der Seite des kommunistischen Bruders kämpfte, hat heute beste Kontakte zu beiden Koreas, und kann diese bei Bedarf gegeneinander ausspielen. 1992 nahm Peking diplomatische Beziehungen mit Seoul auf, das heute einer der wichtigsten Handelspartner Chinas ist. Sollte Kim Jong Ils Regime in Pjöngjang zusammenbrechen, fürchten Pekings Strategen, würde China Einfluss auf der Halbinsel einbüßen.

Sorgenfalten auch in Tokio: Bislang war Seoul in Asien zwar eine wirtschaftliche Großmacht, politisch blieb Korea durch die Teilung jedoch ein Zwerg. Eine Wiedervereinigung, auch wenn sie für den Süden gigantische Kosten mit sich bringen würde, könnte das alles ändern. Knapp 70 Millionen Einwohner hätte Gesamt-Korea - zuviel für Tokio.

Was kann der Gipfel also erreichen, wenn nicht Frieden? Ein gemeinsames Ziel ist, die Spannungen abzubauen. Korea ist bis heute einer der gefährlichsten potenziellen Krisenherde der Welt. An der Demarkationslinie entlang des 38. Breitengrades stehen sich zwei Millionen Soldaten gegenüber.

Eine schmale Linie zwischen Krieg und Frieden. Immer wieder kommt es an der Grenze zu Zwischenfällen, jedes Jahr sterben Soldaten in Scharmützeln, die sich leicht zu einer Krise auswachsen könnten. Als Schutzmacht müssten die USA auf der Seite des Südens eingreifen, Peking hat Beistandsverträge mit dem Norden. Noch gibt es diese Kriegsszenarien zwar nur auf dem Reißbrett, auszuschließen sind sie nicht.

Nordkorea ist längst nicht so stabil, wie es nach außen den Anschein hat. Trotz der internationalen Hilfe sind noch immer große Teile des Volkes unterversorgt. Die Fabriken stehen still, die Felder liegen brach. Hungerflüchtlinge entlang der chinesischen Grenze berichten von Massenverhaftungen und öffentlichen Hinrichtungen, mit denen das Regime versucht, die Kontrolle über das Volk zu behalten. Sollte diese Kim Jong Il eines Tages entgleiten, fürchtet man in Seoul, könnte er sein Land in einen Krieg mit dem Süden stürzen. Der plötzliche Kollaps des Nordens - früher ein strategisches Ziel im Kalten Krieg - wird mittlerweile als größte Gefahr angesehen. Vor dem Gipfel, den sich der Norden wahrscheinlich mit großzügigen Getreide- und Energielieferungen bezahlen lassen wird, sind sich die beiden Kims deshalb erstaunlich einig: Zumindest vorerst soll das Regime in Nordkorea gestützt werden.

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