Korea : Latenter Kriegszustand

Nach der Explosion auf einem südkoreanischen Patrouillenschiffs ist immer noch nicht geklärt, ob es ein Unfall war oder Nordkorea das Schiff versenkt hat.

Daniel Kestenholz [Bangkok]
Nur noch wenig Hoffnung. Ein südkoreanischer Soldat schaut auf das Meer, um mögliche Überlebende des Schiffsunglücks zu sichten. Foto: Reuters
Nur noch wenig Hoffnung. Ein südkoreanischer Soldat schaut auf das Meer, um mögliche Überlebende des Schiffsunglücks zu sichten....Foto: REUTERS

Es bestehen praktisch keine Chancen mehr, einen der 46 nach dem Sinken eines südkoreanischen Patrouillenschiffs vermissten Matrosen noch lebend zu bergen. Eine Explosion hatte am Freitag die 1 200- Tonnen-Korvette „Cheonan“ in zwei Teile gerissen. Stürmische See verhindert seitdem, dass Militärtaucher zu den Wrackteilen am Meeresboden vordringen können. Nach Angaben des südkoreanischen Generalstabs wurden 58 Besatzungsmitglieder gerettet. Vermisste könnten in dem gesunkenen Schiff eingeschlossen sein, noch wurde aber keine Leiche geborgen.

Die Ursache der Explosion bleibt unklar: Entweder handelte es sich bei dem schlimmsten Schiffsunglück in der Geschichte Südkoreas um einen Unfall, oder das Schiff fuhr auf eine Seemine – oder aber Nordkorea feuerte ein Torpedo ab. Dafür gab es südkoreanischen Militärkreisen zufolge aber zunächst keine Hinweise. Auch das US-Außenministerium teilte mit, über eine Beteiligung Nordkoreas lägen keine Hinweise vor. Man konzentriere sich auf Rettungsarbeiten, sagte der südkoreanische Verteidigungsminister Kim Tae Young, Spekulationen seien fehl am Platz. Der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak ordnete umfassende Ermittlungen an. Der gerettete Kapitän des Schiffes, Choi Won-il, sagte am Samstag, die „Cheonan“ sei in zwei Teile zerbrochen und dann binnen weniger Minuten gesunken. Medienberichten zufolge hatte das Schiff Torpedos und andere Waffen sowie Munition geladen.

Die „Cheonan“ sank in der Nähe der von den Vereinten Nationen gezogenen Seegrenze Northern Limit Line (NLL), rund 1,8 Kilometer südwestlich der südkoreanischen Insel Baengnyeong, die die südkoreanische und die US-Armee wegen ihrer Nähe zu Nordkorea als Beobachtungsposten nutzen. Häufig wird die Insel auch von nordkoreanischen Bootsflüchtlingen angesteuert. Die NLL-Grenze war nach Ende des Korea-Krieges 1953 von US-geführten UN- Truppen einseitig beschlossen worden. Nordkorea erkennt sie bis heute nicht an. An der Seegrenze zwischen beiden koreanischen Staaten hatte es in den vergangenen Monaten wiederholt Gefechte gegeben. Theoretisch befinden sich Seoul und Pjöngjang latent im Kriegszustand. Seit der offiziellen Waffenruhe 1953 schwelt der Konflikt zwischen dem demokratischen Süden und dem kommunistischen Norden: Immer wieder gerieten die Geschwisterstaaten an den Rand eines neuen, offenen Krieges. Bei einem Feuergefecht war im November ein nordkoreanisches Patrouillenschiff in Flammen aufgegangen. Dafür könnte es sich bei der aktuellen Explosion durchaus um eine Vergeltungsaktion handeln.

Die Hauptforderung Nordkoreas ist ein formales Friedensabkommen mit den USA als alter Schutzmacht Südkoreas. Ein solches Abkommen könnte auch die blockierten Pekinger Atomgespräche wieder in Gang bringen und die diplomatischen Beziehungen Nordkoreas mit dem Rest der Welt normalisieren helfen. Doch die USA unter Präsident Barack Obama setzen an dieser letzten Front des Kalten Krieges auf „strategische Geduld“ gegenüber Nordkorea: Man spricht also erst wieder mit Pjöngjang, wenn dessen Wirtschaftsnot infolge internationaler Sanktionen so groß ist, dass es ohne Vorbedingungen zurück an den Pekinger Verhandlungstisch gezwungen wird. mit dpa/AFP

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