Politik : Koreanische Entspannungspolitik: "Mutter, ich habe Dich jeden Tag vermisst"

Harald Maass

Es sind Tränen der Freude und der Schmerzen, die in diesen Tagen die Politik in Korea prägen. In einer von großen Gefühlen getragenen Atmosphäre trafen am Donnerstag 200 Koreaner aus dem Norden und Süden des Landes mit Familienangehörigen aus dem jeweils anderen Landesteil zusammen. Die Angehörigen hatten sich seit Jahrzehnten nicht gesehen.

Es war die zweite Familienbegegnung zwischen den beiden koreanischen Staaten seit dem historischen Gipfeltreffen im Juni diesen Jahres. Schon wie das erste Verwandtentreffen im August wurde die Begegnung in Seoul und Pjöngjang von den Rotkreuzgesellschaften beider Staaten organisiert. "Mutter, ich habe Dich jeden Tag vermisst", rief der 75-jährige Nordkoreaner Shin Dong Gil, als er seine 100 Jahre alte Mutter aus Südkorea nach den Jahrzehnten der Trennung in Pjöngjang begrüßte. Mit Tränen in den Augen umarmten die Menschen ihre Familienangehörigen, von denen sie bis vor kurzem nicht wussten, ob sie überhaupt noch leben. Viele verneigten sich mit dem Kopf zum Boden vor ihren greisen Eltern.

Wegen dichten Nebels hatte sich die Familienbegegnung zunächst um einige Stunden verzögert. Ein südkoreanisches Charterflugzeug war am Donnerstagmorgen mit 100 Südkoreanern über die schwerbewachte Grenze nach Pjöngjang geflogen, auf dem Rückweg brachte es die 100 Nordkoreaner nach Seoul. Die Familienbegegnungen, die von den Behörden beider Seiten unter Präsenz strenger Delegierter überwacht werden, finden in Seoul und Pjöngjang statt und werden drei Tage dauern.

Nach Jahrzehnten der Trennung spielten sich ergreifende Szenen ab. Niemand hielt seine Tränen und Betroffenheit zurück. "Es tut mir so leid", rief der 88-jährige Südkoreaner Kim Chul Kwang unter Tränen, der in Pjöngjang seine erste Frau, seine 56-jährige Tochter und seinen 53-jährigen Sohn erstmals wieder in die Arme schloss. Andere Angehörige tauschten alte Familienfotos aus, hielten sich an den Händen und sangen gemeinsam Lieder.

Mindestens sieben Millionen südkoreanische Familien sind seit dem Koreakrieg getrennt, der von 1950 bis 1953 andauerte. Seit damals gibt es zwischen beiden Seiten weder Telefon- noch Postverbindungen. Das südkoreanische Rote Kreuz hatte unter 90 000 Bewerbern in einem Lotterieverfahren ermittelt, wer zu den einhundert Auserwählten gehört, die zum Familientreffen nach Pjöngjang fahren dürfen. Die Teilnehmer aus Nordkorea wurden dagegen von der politischen Führung in Pjöngjang handverlesen. Viele haben höhere Beamtenposten oder sind von der stalinistischen Führung mit Orden dekoriert.

Mit offensichtlich vorbereiteten Reden lobten die Nordkoreaner bei ihrem Besuch in Seoul das Regime Kim Jong Ils. "In seinem unbegrenzten Wohlwollen und Weisheit hat General Kim Jong Il uns gestattet, unsere Familienangehörigen zu treffen", lobte ein Vertreter der nordkoreanischen Delegation den Staatschef. Kritische Worte wagte keiner der aus Pjöngjang entsandten Menschen auch nur anzudeuten.

Für Südkoreas Präsident und den Friedensnobelpreisträger Kim Dae Jung ist das zweite Familientreffen dennoch ein politischer Erfolg. Seit dem Gipfeltreffen im Juni sind die politischen und militärischen Verhandlungen mit Pjöngjang ergebnislos geblieben. Kim musste sich gegen die Kritik wehren, gegenüber dem Norden zu nachgiebig zu sein. Die emotionalen Bilder von den Familienbegegnungen, die von Millionen Südkoreanern live am Fernseher verfolgt wurden, dürften Kim wieder Unterstützung im Volk für seine Entspannungspolitik bringen.

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