Politik : Korn statt Konrad

Eine Bauernfamilie klagt gegen das geplante Endlager bei Salzgitter – unterstützt von Bürgern, Kirchengemeinden und der IG Metall

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Von Reimar Paul, Salzgitter

Vom Förderturm des stillgelegten Eisenerzbergwerks Konrad, der aus dem flachen Land bei Salzgitter ragt, liegt der Hof der Traubes nur ein paar hundert Meter entfernt. Die Familie bewirtschaftet den Betrieb in der vierten Generation. 106 Hektar Ackerland, ein Dutzend Kühe, auf den Wiesen hinterm Haus grasen Pferde. Der Weizen ist eingeholt und wird in der Scheune gedroschen. Die Ernte fällt dieses Jahr nicht gut aus, sagt Landwirt Walter Traube. Der Starkregen vor gut zwei Wochen hat auf den Feldern in der Region Verwüstungen angerichtet.

Auch wenn weniger Korn eingebracht wird, das Getreide sei von bester Qualität, betont Gerhard Traube (82). Und vor allem „noch nicht verstrahlt“. Eine radioaktive Belastung ihres Korns fürchtet die Familie für den Fall, dass im Schacht Konrad Atommüll eingelagert wird. Das Umweltministerium in Hannover hat das Endlager vor kurzem genehmigt. Es soll bis zu 303 000 Kubikmeter radioaktive Abfälle aus Krankenhäusern, Forschungsinstituten und stillgelegten Kernkraftwerken aufnehmen. Walter Traube hat gegen das Ministerium vor dem Oberverwaltungsgericht Klage eingereicht. Im n seiner Familie. „Ich stehe in der Verantwortung, unseren Hof so zu erhalten, dass noch meine Kinder und weitere Generationen hier Landwirtschaft betreiben“, sagt der 39-Jährige. Mehrere Städte, der Landkreis Wolfenbüttel und die evangelische Braunschweiger Landeskirche klagen ebenfalls.

„Die Traubes gehen stellvertretend für viele andere Bürger vor Gericht“, sagt Volker Crystalla vom Rechtshilfefonds Schacht Konrad. Deshalb dürfe die Familie mit dem finanziellen Risiko nicht allein gelassen werden. Der 1996 gegründete Fonds sammelt Geld für den Prozess. 100 000 bis 150 000 Euro sind alleine für die erste Instanz notwendig. Rund 300 Menschen und Kirchengemeinden haben schon gespendet, Daueraufträge eingerichtet oder Darlehen gegeben. Die IG Metall beteiligt sich mit einer Spendenaktion.

Die politischen Hintergründe des Konrad-Verfahrens sind verworren. Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD), der das Endlager genehmigt hat, ist nach eigenem Bekunden ebenso gegen Atommüll in Konrad wie sein Berliner Amtskollege Jürgen Trittin (Grüne). Das Trittin unterstellte Bundesamt für Strahlenschutz hatte das Endlager allerdings beantragt. Jahrelang schoben sich die beiden Politiker die Verantwortung zu. Trittin wie Jüttner fürchteten im Fall eines Verzichts auf das Endlager Schadensersatzforderungen der Energiewirtschaft, die schon 800 Millionen Euro in die Erkundung des Bergwerks gesteckt hat. Im Atomkonsens, den Industrie und Regierung vereinbart haben, wurde die Genehmigung des Endlagers vereinbart. Allerdings nahm das Bundesamt für Strahlenschutz gleichzeitig den Antrag auf einen sofortigen Vollzug für die Einlagerung von Abfällen zurück. Über diesen Umweg hofft Trittin offenbar Schacht Konrad nie in Betrieb nehmen zu müssen. Zumal der rot-grüne Koalitionsvertrag nur ein einziges Endlager für alle Arten radioaktiver Abfälle vorsieht. Der Schacht Konrad aber wurde für die Aufnahme stark strahlender Brennelemente aus Atomkraftwerken nie untersucht.

„Unser Widerstand ist nicht so spektakulär wie in Gorleben, aber wir haben einen langen Atem“, sagt Peter Dickel von der „Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad“, ein Dachverband der örtlichen Endlager-Gegner. Während des Planfeststellungsverfahrens hätten fast 300 000 Menschen Einwände gegen das Endlager erhoben. In Politiker und Parteien setzen die Konrad-Gegner allerdings keine allzu große Hoffnung. „Man hat uns belogen“, sagt Karen Traube. Anfangs habe es geheißen, der Atommüll sei so ungefährlich, dass er auch im Keller gelagert werden könne. Die 77-Jährige weiß deshalb auch nicht, ob sie am 22. September zur Wahl geht. „Man kann doch nur was schlimmes oder was noch schlimmeres wählen.“.

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