Korrespondentenrunde des Tagesspiegels : So nah ist Amerika

Drei USA-Korrespondenten des Tagesspiegels diskutierten bei der Friedrich-Naumann-Stiftung über eine Frage: Barack Obama: Neuer Präsident – neues Glück?

Lars von Törne
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Den Neuen im Blick. Robert von Rimscha, Christoph von Marschall, Gerd Appenzeller und Malte Lehming (v.l.n.r.) diskutierten über...Foto: Mike Wolff

Er lächelt vieldeutig, den Blick aufs Publikum gerichtet, und schweigt. Als Pappkamerad ist Barack Obama am Dienstagabend auch physisch anwesend, als drei Kenner der US-Politik darüber diskutieren, was vom neuen amerikanischen Präsident zu erwarten ist.
Was hat er geleistet, wo er doch erst sieben Tage im Amt ist? Und womit wird er uns, das erwartungsvolle Publikum in Deutschland, wohl am meisten überraschen? Fragen, auf die der Washington-Korrespondent des Tagesspiegels, Christoph von Marschall, sowie seine beiden Vorgänger, Malte Lehming und Robert von Rimscha, bei der von Tagesspiegel-Redaktionsdirektor Gerd Appenzeller moderierten Debatte im Haus der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung manch unerwartete und gelegentlich auch kontroverse Antwort parat haben.

Zum Beispiel beim Thema Hautfarbe. Für Robert von Rimscha, von 1996 bis 2000 für den Tagesspiegel in den USA und heute FDP-Sprecher, ist Obamas bislang wichtigste Leistung: „Millionen weiße Amerikaner wechseln nicht mehr die Straßenseite, wenn ihnen Schwarze entgegenkommen.“ Durch Obamas Aufstieg habe ein „Urtrauma“ der USA zumindest mildere Formen angenommen. Da widerspricht Malte Lehming, von 2001 bis 2005 USA-Korrespondent und heute Leiter der Meinungsseite: Der gesellschaftliche Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen hatte schon lange vor Obama abgenommen, man denke nur an zwei der wichtigsten Politiker der Bush-Regierung, Condoleezza Rice und Colin Powell, beides Schwarze. Ja schon, wendet Christoph von Marschall ein, seit 2005 Washington-Korrespondent des Tagesspiegels – aber erst durch Obama habe die Frage eine zentrale Bedeutung gewonnen: „Sollte er morgen aus seinem Amt ausscheiden, wäre die Bilanz für Amerika: Jeder kann alles werden, wenn er will und sich anstrengt – auch mit dieser Hautfarbe.“

Wie viel Hoffnung ist gerechtfertigt?

Kontrovers auch die Einschätzungen der drei Experten bei der Frage: Wie viel Hoffnung ist angebracht? Während von Marschall seine hohen Erwartungen an den neuen Präsidenten klar zu erkennen gibt, dämpft Lehming die Euphorie: „Auch Bush trat an, zu versöhnen statt zu spalten, es sollte die Moral wieder ins Weiße Haus einziehen... dann begann mit dem 11. September 2001 eine Krise, die keiner erwartete, und alles kam anders.“ Wie viel mit Barack Obama anders kommen wird? Christoph von Marschall hofft, dass der neue Präsident im Nahen Osten mehr Handlungsspielraum hat als sein Vorgänger. „Beide Seiten glauben, ihm Vorschusslorbeeren zu schulden.“ Malte Lehming sieht es anders. Auch Clinton habe sich in den Vermittlungen zwischen Israel und seinen Nachbarn engagiert wie lange keiner vor ihm – ohne große Erfolge. Im Gegenteil: „Die Abstinenz von Bush war ein Resultat des Überengagements von Clinton, das direkt in die zweite Intifada führte“, den gewalttätigen Aufstand der Palästinenser.

Und Irak, Iran, Afghanistan sowie die anderen außenpolitischen Herausforderungen?

„Es wird nicht zwangsläufig alles wunderbar“, sagt auch Christoph von Marschall. „Aber Obama bringt zumindest die richtigen Voraussetzungen mit, um mit den Herausforderungen besser umzugehen als Bush“. Der neue Präsident sei gut ausgebildet und von einer hohen „intellektuellen Neugier“ getrieben. Er liebe fruchtbare Debatten, habe sich auch deswegen mit starken Beratern und Ministern umgeben. Robert von Rimscha schränkt aber ein: „Starkes Personal ist keine Einmaligkeit von Obama – auch Bush hat sich mit starken Persönlichkeiten umgeben.“ Wird dies zu einer konstruktiven oder einer destruktiven Rivalität zwischen Obama und seinem Stab führen? Und welche Rolle wird Außenministerin Hillary Clinton spielen? Eine im Gegensatz zu anderen Obama-Vertrauten eher nachrangige, wie Robert von Rimscha vermutet? Festlegen mag sich keiner, aber von Marschall zieht eine Parallele zu einer anderen politischen Führungsperson, die sich trotz starker Mitspieler behauptet: Obama sei in mancher Hinsicht Angela Merkel ähnlich. Zum Beispiel, indem er Dinge erst durchdenkt, Schlüsse zieht und dann handelt. Nicht aus dem Bauch heraus, wie einst sein republikanischer Herausforderer John McCain.

Ist Obama also sogar eher etwas zu risikoscheu und zu entscheidungsschwach für das Amt, wie Robert von Rimscha zu bedenken gibt? „Nein, nicht entscheidungsschwach, entscheidungslangsam“, sagt Christoph von Marschall. Zumindest rhetorisch hat Obama in den ersten sieben Tagen Amtszeit bereits enorme Veränderungen eingeführt, da sind sich die drei Diskutanten einig. Wenngleich jeder dies anders bewertet. Von Rimscha schöpft Hoffnung, wenn Obama sich in Interviews davon distanziert, wie seine Vorgänger anderen Staaten per „Diktat“ Vorschriften gemacht hätten. „Ich hoffe, dass es mit ihm Führung durch Kooperation und Konsens geben kann, dafür gibt es Anhaltspunkte“, sagt von Rimscha. „Er distanziert sich von Bush gerade in der Wortwahl so sehr, weil die Distanz in den Taten nicht so groß sein wird“, relativiert da sogleich Christoph von Marschall. Und setzt mit warnendem Blick ins 200 Gäste zählende Publikum hinzu: „Obama ist nicht Europas Gegenpräsident zu Bush, er vertritt amerikanische Interessen.“

Welche Rolle wird die Finanz- und Wirtschaftskrise spielen?

Der erste richtige Prüfstein, da sind sich die US-Experten einig, wird Obamas Umgang mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise sein. Die Frage, an der er gemessen werden wird, ist für Lehming die: Inwieweit wird Obama es schaffen, sich ungeachtet nationaler Interessen weiter für einen freien internationalen Handel stark zu machen? Den derzeitigen Hang vieler Staaten, auf die Krise mit national begrenzten, protektionistischen Maßnahmen zu reagieren, sehen die drei Beobachter mit Sorge. Und nicht zuletzt das Gefangenenlager Guantanamo. Warum tun sich die Amerikaner so schwer, schuldlose Häftlinge in die Freiheit zu entlassen und in ihrem Land aufzunehmen?, fragt Gerd Appenzeller. „Das ist ein psychologisches Problem“, sagt Christoph von Marschall. „Bush hat jahrelang allen eingeredet, in Guantanamo sitzen schlimme Kriminelle.“ Ja, erwidert Lehming, „aber wir wissen ja gar nicht, ob sie wirklich unschuldig sind.“ Wie seine Kollegen plädiert auch er dagegen, entlassene Häftlinge in Deutschland aufzunehmen. „Das Problem muss da behoben werden, wo es entstanden ist.“ Also in den USA oder in den Herkunftsländern der Häftlinge. Auch von Marschall plädiert dafür, dass die USA die Häftlinge zuerst bei sich als freie Menschen aufnehmen sollen. „Aber die meisten der 50 bis 60 Häftlinge, die offenbar schuldlos sind, wollen doch gar nicht in den USA leben“, wendet Robert von Rimscha ein. Man bekommt eine Vorahnung von den Herausforderungen für denjenigen, der an diesem Abend nur als Pappfigur vertreten ist.

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