Korruption : Griechenland: Fehler im System

Gib, um später etwas fordern zu können. Das ist das Prinzip in Griechenland. So hat am Ende jeder etwas zu verbergen und keiner das Recht, sich aufzuregen. Von der allgegenwärtigen Korruption.

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Nicht nur das Vertrauen in den Euro ist gesunken - auch das Vertrauen der Griechen in ihren Staat ist zerrüttet.
Nicht nur das Vertrauen in den Euro ist gesunken - auch das Vertrauen der Griechen in ihren Staat ist zerrüttet.Foto: dpa

Die Polizei hatte den „allgemeinen Alarmzustand“ erklärt, drei Menschen erstickten in einer brennenden Bankfiliale, es war der 5. Mai in Athen, Tag des Generalstreiks gegen die Sparpläne, da vollzog sich ein paar Straßenzüge weiter ein bizarres Ritual: Eine Reihe Polizisten stand einer Gruppe Demonstranten gegenüber. Sobald sich einige von denen auf die Straße setzten, schoben sich die Polizeischilde vor, und die Blockierer wurden von der Straße getragen. Dann wieder Lauern, Abwarten – bis sich die nächsten Demonstranten niederließen und die Vorstellung von vorn begann. Ein erregter Chor aus Passanten ergänzte das Schauspiel, lautstark zeigten sie auf die „Verräter-Polizisten“, auf die „schlechten Kinder“, die in Wirklichkeit zur eigenen Familie gehören. Ein absurdes Kräftemessen und ein schmerzhaft treffendes Bild – Volk und Staat, in lieb gewonnener Feindschaft ineinander verkrallt.

„So funktioniert das System.“ To sýstima. Auch Andreas K. (34) sagt den Satz. Neben seiner Freundin Athina A. (33) sitzt der jungenhafte Mann in kurzer Hose in einer gemütlichen Couchlandschaft und ist vor allem eines: ratlos. Es ist heiß, aber die Vorhänge des Wohnzimmers bleiben zu, als sollten die Verhältnisse bloß draußen bleiben. Dabei ist das junge Paar ein perfektes Beispiel für die griechischen Verhältnisse, obwohl die beiden – im Gegensatz zu vielen Altersgenossen – sogar Arbeit haben.

Andreas kümmert sich als Bankangestellter um die Kredite kleiner Unternehmen. Und Athina hat studiert (Germanistik), dabei ein Jahr im Ausland verbracht (Essen), dann ein Aufbaustudium drangehängt (Übersetzung) und sich beharrlich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet, an der jährlich Zehntausende teilnehmen, um – der große Traum! – als Lehrer in den Staatsdienst aufgenommen zu werden. Beim dritten Mal hat es geklappt. Jetzt verdient sie nicht 700 Euro wie viele Privatlehrer, sondern 1200 Euro, von denen ihr nach Inkrafttreten des Sparpaketes noch 1000 bleiben werden. Und: Sie ist unkündbar.

Andreas bleiben 1900 Euro, so sind die beiden nicht auf die finanzielle Unterstützung der Familie angewiesen. Sie wohnen in einer schönen Dreizimmerwohnung in dem eleganten Vorort Kifissia, zwischen den Bücherregalen steht ein Flachbildschirm, vor der Tür ein Kleinwagen, im Sommer wird geheiratet. Man könnte sagen, die beiden sind angekommen. Und genau das ist das Problem. Denn es geht nicht mehr weiter.

Nicht so sehr wegen der aktuellen Krise, die sich, wie Andreas sagt, „noch vor allem im Kopf abspielt“. Sondern wegen dem, was alle to sýstima nennen, jener komplexen Struktur aus Mechanismen und unseligen Kreisläufen, die alle Ebenen der Gesellschaft erfasst und viel mit Unzufriedenheit, Misstrauen und sehr viel schwarzem Geld zu tun hat.

Jeder Vierte arbeitet in Griechenland beim Staat, aber „die meisten sind wegen des niedrigen Einkommens unzufrieden und strengen sich nicht an“, sagt Athina. „Müssen sie auch nicht. Es gibt keine Evaluation.“ Das Niveau an den Schulen ist so schlecht, dass die Eltern ihre Kinder nachmittags auf Nachhilfeschulen schicken oder zum Privatunterricht, den auch staatliche Lehrer anbieten, um ihr Gehalt aufzubessern. Auch Athina gibt Privatstunden, wie sie verschämt einräumt. Da dies seit Jahrzehnten so läuft, sieht sich der staatliche Schulapparat für die Wissensvermittlung gar nicht mehr zuständig, sondern hat die Verantwortung auf die Nachhilfeschulen abgeschoben. Die Konsequenz ist fatal. Nicht einmal die Beamten vertrauen den Institutionen ihres eigenen Staates.

So kommt es, dass die verbeamtete Athina sagt, sie könne es sich nicht leisten, Kinder zu kriegen, sie habe nicht das nötige Geld. „Ich gehe in kein staatliches Krankenhaus.“ Denn auch dort haben die Ärzte Wege zur Gehaltsaufbesserung gefunden. Der Tarif für die Geburt eines Kindes beträgt 1000 Euro unter der Hand. Kann man solchen Ärzten überhaupt trauen? „Alle meine Freundinnen sind in eine Privatklinik gegangen“, sagt Athina. „Dort kostet eine Entbindung aber nicht 1000, sondern 6000 oder 7000 Euro.“ Die haben die beiden nicht. Trotz ihrer guten Jobs.

Auch Katerina S. (44) und Giannis A. (45) leben in Kifissia, wenn auch in einer anderen Welt. Die Einbauküche im eigenen Haus entspricht den höchsten Ansprüchen puristischen Designs. Im Wohnzimmer steht ein Flügel, die 16-jährige Tochter lümmelt lesend in einem Sessel, der elfjährige Sohn sitzt neben dem Kamin vor dem Fernseher, während ihre Eltern auf der Terrasse die griechische Gesellschaft erklären.

„Wie to sýstima funktioniert?“ Giannis zieht einen Fuß auf den Stuhl und lacht. „Verlasse dich auf nichts – die einzige Regel, auf die man sich verlassen kann.“

Giannis ist Musiker. Fast jeden Abend fährt er mit seinem Moped ins Athener Zentrum, um mit seiner Gruppe zu spielen oder Konzerte zu vereinbaren. Katerina macht Theater für Kinder. Die beiden wirken eher wie Künstlerbohemiens und nicht wie „upper middle class“. Kein Repräsentanzgehabe, kein angeberhaftes Eis-im-Whiskeyglas-Geklirre, wie es griechische Neureiche nicht selten an den Tag legen. Das schicke Haus könnte sich die Familie niemals leisten, wenn Giannis nicht zwei Läden im Geschäftsbezirk des Vorortes geerbt hätte. Die vier leben von den Mieteinnahmen. Aber selbst im reichen Athener Norden ist die Krise angekommen. Einer der Läden steht leer, zum ersten Mal seit Jahren. „Das System“, sagt Giannis, „besteht aus Kreisen. Der wichtigste Kreis ist die Familie. Der zweite bildet sich über die Herkunft, das Dorf deiner Familie. Der dritte ist die Partei. Aber auch sonst gilt: Entweder du gehörst dazu, oder du bist ein Gegner.“

Wie man Teil einer dieser eingeschworenen Gemeinschaften wird, beschreibt Katerina sehr anschaulich. Sie ist in Griechenland aufgewachsen, aber noch als Schülerin mit ihren Eltern nach Kanada gezogen, wo sie Psychologie studiert und während des Studiums für das Bildungsministerium gearbeitet hat. Als sie nach Griechenland zurückkehrte, wollte sie beruflich etwas Ähnliches machen und ging zur Universität. Aber dort fand sie nichts. Kein Informationsbüro, nichts.

„Ich fragte eine Bekannte, wo ich meinen Lebenslauf abgeben könnte. Die sagte: Gib ihn mir, ich kenne jemanden, der gibt ihn weiter, dann landet er gleich beim Bildungsminister. Dort kam er natürlich nie an. Ein Berater fing ihn ab und bot mir einen Job an.“ Doch kaum hatte sie mit der Arbeit begonnen, bot der Chef ihr einen Doktortitel an. Bei den ihnen verbundenen Professoren könne sie problemlos schnell promovieren. „Warum wollte er mir den falschen Doktor andrehen? Damit ich in seiner Schuld stehe! Um mich in der Hand zu haben.“

Gib, um später etwas fordern zu können – das sei das Prinzip. Katerina gießt Apfelsaft nach, biologischen, wie sie betont. „Im Sommer ist Griechenland unwiderstehlich wie ein Sirenengesang. Die Gerüche, die Sonne, die Leichtigkeit. So etwas gibt es in Kanada nicht. Griechenland im Sommer ist ein Traum – aus dem du im Herbst erwachst.“ Gerade musste die Familie erfahren, dass die ersten Freunde ihr Haus verlieren, weil sie den Kredit nicht mehr bedienen können. Das sei ein Schock gewesen. „Aber was die Krise wirklich bedeutet, werden wir alle erst im September begreifen. Wenn der Sommer vorbei ist.“

Hinter der Hecke rollt ein Geländewagen vorbei, ein Tsipaki, ein Jeepchen, wie man hier sagt. Die griechische Umgangssprache liebt die Verniedlichung. Oder die Verharmlosung. Ein anderes Wort auf -aki ist Fakelaki, der Umschlag mit dem Bestechungsgeld.

Giannis schweigt einen Moment. Dann sagt er: „Als unser Haus fertig war, hatten wir Ärger mit dem Stromanschluss.“ Erst habe das zuständige Amt andere Formulare sehen wollen, dann hätte etwas mit den Angaben nicht gestimmt. Wochen passierte nichts, bis ein Freund mit Kontakten ihnen steckte, dass sie 500 Euro zahlen müssten – sonst gäbe es keinen Strom. Giannis schüttelt den Kopf. „Was dann passierte, klingt wie aus einem schlechten Film. Ich ging also zum Amt, und als ich sagte, von wem ich komme, wurde ich an den anderen Wartenden vorbei hinter die Glasscheibe ins Büro zu den Sachbearbeitern gerufen. Ich wollte diskret sein, übergab den Umschlag mit den Unterlagen, zwischen die ich das Fakelaki geschoben hatte. Aber was macht dieser Typ? Vor aller Augen zieht er das Geld raus, zählt die Scheine durch, sagt: alles in Ordnung, und knallt gleich den fehlenden Stempel auf den Antrag. Vor aller Augen! Wie ich mich geschämt habe!“ Giannis macht mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung, als würde er seinen Mund wie einen Reißverschluss verschließen. „Das ist unser aller gesellschaftliches Geheimnis. Unser aller Schuld, über die nicht gesprochen wird. Darf ich mich noch über korrupte Politiker aufregen? Nein! Dieses Land nimmt dem Menschen seine Würde.“

Aber jetzt wird alles anders, sagt Ministerpräsident Giorgos Papandreou von der regierenden Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok). Mit der Krise werde sich auch die Mentalität ändern. Zeitungen veröffentlichen Namenslisten von Steuerhinterziehern. Die Steuerfahndung bildet ein Sonderkommando, das angeblich so rigoros vorgehen soll wie eine Antiterroreinheit. Die Verjährungsfrist für die Vergehen Abgeordneter wird verlängert, um gegen Politikermachenschaften der Vergangenheit vorgehen zu können. Gerade trat die Vizeministerin für Tourismus und Kultur zurück, weil ihr Ehemann fünf Millionen Euro hinterzogen hat. Und seit einigen Monaten müssen alle Bürger Quittungen sammeln und beim Finanzamt vorlegen, nicht um die Ausgaben von der eigenen Steuer abzusetzen, sondern zur Kontrolle der anderen. Bringt das alles denn gar nichts?

„Ich bin sehr skeptisch“, sagt Konstantinos Ch. (44), der einen Buchladen im Zentrum betreibt. Der Umsatz seines Geschäftes ist im vergangenen Monat um 40 Prozent zurückgegangen. „Wenn das Land nicht kollektiv die viel zu hohen Preise senkt, bricht hier alles zusammen.“ Mehr als die finanzielle Situation regt aber auch ihn der Zustand der Gesellschaft auf. Die unterschwellige Vorteilnahme sei zur zweiten Natur geworden. Besonders wühlt ihn ein Erlebnis auf, das er kürzlich mit einer Beamtin vom Finanzamt hatte: Er sollte ein 300-Euro-Fakelaki zahlen, um sicherzugehen, dass die ihm zustehende Rücküberweisung zu viel gezahlter Mehrwertsteuern keine Steuerprüfung nach sich ziehe. In diesen Tagen, wo alle von Neuanfang sprechen! Er kann die Dreistigkeit noch immer kaum glauben. Um den Kreislauf endlich zu unterbrechen, verzichtet er auf die Rückzahlung. „Früher hätte ich von meinem Vater Prügel bezogen, wenn ich eine Kirsche geklaut hätte. Heute wirst du gefeiert, wenn du dir ,deinen Teil‘ holst.“

Der Bruch habe vor 30 Jahren stattgefunden, mit dem Volkstribun Andreas Papandreou, dem Vater des jetzigen Premiers, und dem Eintritt Griechenlands in die EU. „Damals gab es in unserem Dorf eine fünfprozentige Elite aus Beamten, die restlichen 95 Prozent hatten gleich wenig.“ Dann habe Papandreou allen viel versprochen und seinen Finanzminister angewiesen: Tsovola, rück alles raus! „Plötzlich regnete es Geld, und auf dem Land begann ein Wettbewerb, so viele Subventionen mit so wenig Arbeit wie möglich zu ergattern, der jedes Gemeinschaftsgefühl zersetzte.“

Neid, Missgunst, Eifersucht. Davon sprechen alle. Aber alle sagen auch: Natürlich gibt es Ausnahmen. Athina hat von einer Schuldirektorin erzählt, die kostenlosen Unterricht für Einwanderer organisiert, Katerina von einem E-Mail- Rundbrief, der Fälle von Amtsmissbrauch auflistet.

Eine weitere der Ausnahmen heißt Thanos Samartzis. Er ist 28 Jahre alt, und während er mit ruhigem und zugleich federndem Schritt durch die engen Straßen der Innenstadt geht, ziehen sich seine Mundwinkel immer wieder zu einem ironischen Lächeln in die Breite. „Chaotisch und auch ungerecht – ja. Aber wenn man will, kann man viel auf die Beine stellen.“ Er selbst musste noch nie ein Fakelaki zahlen, nicht einmal bei der Fahrprüfung, über die es heißt, es gehe nicht ohne. Nach einem Philosophiestudium in Frankreich schrieb er Buchbesprechungen für die Zeitung „Kathimerini“. Die fielen auf, und so wurde er der Redenschreiber eines Ministers der vorherigen Regierung. Seit drei Jahren gibt er eine philosophische Buchreihe heraus.

„Natürlich sagen viele, ich komme aus der Familie des Verlegers“, sagt Samartzis. „Aber das ist nur das übliche Gerede. Ich hatte keine Beziehungen, ich habe dem Verleger nur mein Konzept vorgestellt.“ In einem Café in Exarchia, dem Viertel der Verlage und dem Zentrum der Anarchistenszene, lässt er gut gelaunt einen Mythos der Linken platzen. Der geht so: Der Staat hat die Pflicht, die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft zu beseitigen. Im Namen der Armen forderten die Gewerkschaften immer mehr Geld. Das landete aber nicht bei den Armen, sondern bei den Beamten. Jeder, der etwas gegen diese Logik sagte, wurde als Neoliberaler beschimpft. Die größte Angst des Staates nach der Militärdiktatur aber war, von seiner eigenen Bevölkerung als kalt abgestempelt zu werden. Deshalb ließ er sich erpressen und zahlte immer weiter.

„Wir Griechen sind wie Kinder. Wir haben nur gefordert. Jetzt müssen wir erkennen, dass der Staat gar kein guter Papa war, dass alles nur geliehen war. Wir erkennen, dass der Staat ein Monster ist, zu dem wir ihn selbst gemacht haben. Das Monster platzt, und wir merken, dass wir selbst der Staat sind.“ Er lächelt wieder. „Endlich können wir erwachsen werden.“ Er zieht die Quittung unter der Flasche hervor. Fünf Euro für ein Bier. Er schaut sich um. Rechts ein Café, links ein Café, beide Terrassen gut besucht. Dann macht er eine Geste, als wollte er sagen: Siehst du, Geld ist nicht wirklich das Problem.

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