Kosovo : 200 Festnahmen nach Übergriffen auf Botschaften

Die serbischen Behörden reagieren auf die weltweite Kritik – und geben Washington gleichzeitig eine Mitschuld an den Ausschreitungen. Die Unabhängigkeit des Kosovo bringt Gewalt und Völkerrecht.

Belgrad/Berlin - Nach den gewaltsamen Angriffen auf die Botschaften der USA, Deutschlands und anderer Staaten in Belgrad hat die serbische Polizei inzwischen fast 200 Verdächtige festgenommen. „Wir sammeln die Beweise und identifizieren die Schuldigen“, sagte der oberste serbische Staatsanwalt, Slobodan Radovanovic, am Samstag. Die Ausschreitungen am Donnerstagabend im Zusammenhang mit Protesten gegen die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo waren die schlimmsten in Belgrad seit der Vertreibung des früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor acht Jahren. Die Behörden haben am Samstag auch die verkohlte Leiche identifiziert, die in der US-Botschaft gefunden wurde. Demnach handelt es sich um einen 21-jährigen Serben aus Novi Sad, der sich an den Protesten beteiligt hatte.

Auch am Samstag demonstrierten wieder Serben gegen die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo. In der von Serben bewohnten Stadt Mitrovica im Nordkosovo gingen mehrere tausend Menschen auf die Straße. UN-Polizisten riegelten die Brücke ab, die die serbische und die albanische Hälfte der ethnisch geteilten Stadt verbindet. Einige Demonstranten warfen Feuerwerkskörper. Es war der sechste Protesttag in Folge.

Angesichts der Proteste sah sich die Europäische Union gezwungen, ihr Vorbereitungsteam für die Eulex-Mission aus dem Norden des Kosovo abzuziehen. Der Rückzug aus dem mehrheitlich von Serben bewohnten Gebiet sei vorübergehend, und das EU-Büro bleibe weiterhin bestehen, sagte der EU-Sondergesandte für das Kosovo, Pieter Feith, am Samstag in Prizren im Süden des neuen Staates. Er hoffe, dass die Umstände eine baldige Wiederaufnahme der Aktivitäten im Norden zulassen, fügte er hinzu. Das EU-Team vor Ort soll den Einsatz von rund 1800 Polizisten, Richtern und Zollbeamten vorbereiten, die in den kommenden vier Monaten im Rahmen der zivilen Mission schrittweise in die Region entsandt werden.

Washington und Belgrad streiten indes über die Übergriffe auf ausländischen Vertretungen in der serbischen Hauptstadt. US-Außenministerin Condoleezza Rice wiederholte ihre Kritik am Verhalten der serbischen Behörden. „Sie hatten die Verpflichtung, die diplomatischen Missionen zu schützen“, sagte Rice. „Nach unseren Erkenntnissen war die Polizeipräsenz entweder unzureichend oder nicht entschlossen genug.“ Washington habe der serbischen Regierung sehr deutlich gemacht, dass man keine weiteren Vorfälle dieser Art erwarte. Die Regierung in Belgrad reagierte ihrerseits mit Vorwürfen. Der Minister für das Kosovo, Slobodan Samardzic, machte am Samstag die USA für die Sezession und die nachfolgenden Gewalttaten verantwortlich. Ein Berater von Ministerpräsident Vojislav Kostunica, Branislav Ristivojevic, erklärte: „Falls die USA an ihrer Position festhalten, dass der Pseudostaat Kosovo existiert, liegt alle Verantwortung in der Zukunft bei ihr.“

EU-Chefdiplomat Javier Solana wies unterdessen auf die besondere Verantwortung Deutschlands für die Region hin. „Deutschland spielt eine Schlüsselrolle in der Gestaltung der Maßnahmen der EU für die Region“, sagte Solana der „Bild am Sonntag“. Deutschlands Beitrag zur Stabilisierung des Kosovo sei sehr wichtig. Darüber hinaus leiste Deutschland einen unverzichtbaren Beitrag zum Aufbau. „Auch hier zählen wir auf die fortgesetzte Hilfe deutscher Polizisten und Juristen.“

Russland warnte erneut vor den Folgen der Unabhängigkeit des Kosovo. Durch sie sei „eine Waffe geladen“ worden, von der niemand wisse, wann und wo sie losfeuern werde, sagte der Antiterrorbeauftragte der russischen Regierung, Anatoli Safonow, der Nachrichtenagentur Interfax. „Separatismus und Terrorismus“ seien „Glieder derselben Kette“. Die Unabhängigkeit des Kosovo sei für „diese Kräfte das Signal, aus dem Untergrund aufzutauchen“. Der russische Nato-Botschafter Dmitri Rogosin zeigte sich verärgert über westliche Medienberichte, wonach er dem Westen in der Kosovo-Frage mit „roher militärischer Gewalt“ gedroht haben soll. Das sei eine „mutwillige Verfälschung des gesprochenen Wortes“, sagte Rogosin am Samstag. AFP/dpa

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