Politik : Kosovo: Einmal Röntgen für fünf Mark

Claudia Lepping

Seitdem es kalt geworden ist in Prizren - und die Winter im Kosovo werden hier sehr kalt - arbeiten die Frauen in der Wäscherei in gefütterten Stiefeln. Auf dem Fliesenboden der Wäscherei im Kellergeschoss des Krankenhauses gefriert der Wasserdampf. "Das ist normal, wir kennen das seit Jahren nicht anders", sagt eine Kosovo-Albanerin und schiebt ihr Bügeleisen energisch über das Brett: "Wichtiger ist, dass oben auf den Stationen die Heizung funktioniert."

Aber selbstverständlich ist das dort auch nicht. Noch immer platzen Wasser- und Versorgungsleitungen. Vor etwas mehr als einem Jahr, wenige Wochen nach dem Ende der Kämpfe zwischen Serben und Albanern und Serben und Nato, gab es nicht einmal ausreichend Medikamente oder Lebensmittel. "Wir hatten täglich Notfallreparaturen zu erledigen, um den Laden über Wasser zu halten", erinnert sich Aldo Graziani, der im Dienste der Johanniter als Krankenhausmanager Mann für alle Fälle ist. Die Gebäude, die in den Jahren 1964 bis 1974 erbaut wurden, sind marode. "Seit wir hier anfingen, haben wir nicht mit Kriegsschäden zu tun, sondern mit den Folgen von Verfall und Verwahrlosung", sagt Graziani: "Die serbische Verwaltung hat hier 25 Jahre lang nichts mehr angerührt."

Mit einem Jahresetat von zwei Millionen Mark kann die Substanz allenfalls gehalten werden. Eine Sanierung des Gebäudes ist ohne die finanzielle Unterstützung der Europäischen Union nicht zu machen. 625 Betten und 725 Mitarbeiter, die Gehälter zwischen 150 Mark und 420 Mark beziehen - eine Herausforderung auch für die UN-Verwaltung Unmik als Eigentümer der Klinik.

Die Administration musste Unmik vom Nullpunkt wieder aufbauen, schließlich gab es im Kosovo, diesem juristischen und wirtschaftlichen Vakuum, auch kein Krankenkassen-Beitragssystem. Aldo Graziani schlägt da neue Wege ein: Eine Mark für eine Behandlung, zwei für zwei Behandlungen, fünf Mark für Röntgen und Labor und zehn Mark als einmalige Aufnahmegebühr. Die wenigsten Kosovaren sind so sehr verarmt, dass sie sich die Behandlung nicht leisten könnten. Viele haben dank Verwandter im Ausland durchaus Devisen. "Wir versuchen jetzt, ein Kostensystem einzurichten, das es jahrelang nicht gegeben hat. Krankenkassen waren nicht existent, als wir hier anfingen", sagt Graziani. Im Sommer 1999 hatte er seinen Job als Bankmanager hingeworfen und als Krankenhausmanager im Kosovo bei den Johannitern angeheuert.

Die Grundversorgung im Krankenhaus - neben der medizinischen soll eine administrative her, um dem Chaos nach der einjährigen Schonfrist Einhalt zu gebieten. Dazu gehören einstündige Besuchszeiten und Parkgebühren - eine Revolution für Kosovo. Von morgens neun bis abends neun pilgerten die Großfamilien bislang zu ihren Angehörigen, die im Krankenhaus versorgt werden müssen - mit Taschen und Tüten randvoll mit Lebensmitteln. Die Klinik als Krankenpflegestätte wurde gar nicht wahrgenommen, das überforderte und eingeschüchterte Personal höchstens als störend. Das soll jetzt vorbei sein. Aldo Graziani hat einen auswärtigen Sicherheitsdienst bestellt, "um das Aggressionspotenzial bei der Einführung von Besuchszeiten und Parkgebühren abzufangen". Es funktioniert. "Das Personal ist erleichtert und kann jetzt schneller und effektiver arbeiten."

Die Soldaten der internationalen Kfor-Einheiten kümmern sich um die Patienten, die sich nicht allein ins Krankenhaus trauen: um die Serben. Noch vor einem Jahr waren serbische Patienten aus den Zimmern entführt und ermordet worden, ihre Leichen wurden im Müll gefunden. Diese Zeiten sind vorbei, "aber ohne Kfor-Schutz kommt kein Serbe zu uns", sagt Graziani. Dass die Ärzte und Schwestern serbische Patienten schlechter behandeln als ihre albanischen Landsleute, kann er nicht ausschließen. "Wir haben in einem Jahr viel erreicht, aber die Mentalität können wir nicht so schnell umpolen."

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