Kosovo-Einsatz : Eine Generationenaufgabe

Der Bundestag stimmt über die Bundeswehr im Kosovo ab – sie wird wohl noch lange bleiben müssen.

Jan Pallokat[Gracanica]
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Bundeswehr im KosovoFoto: ddp

Können Serben und Albaner im Kosovo doch zusammenarbeiten? Avdyl Kaciu und Ivan Milosevic vermitteln diesen Eindruck. Der Albaner und der Serbe gehen im Raum Gracanica gemeinsam auf Streife, eine der wichtigsten Serben-Enklaven Kosovos, so will es die UN-Verwaltung. Im Polizeijeep erzählen sie Witze, zur Pause fahren sie mal ins Café eines serbischen, mal eines albanischen Dorfes. „Ethnisch motivierte Gewalttaten gab es hier schon lange nicht mehr“, sagen sie. Vielmehr hätten sie es mit Verkehrsdelikten oder Diebstählen zu tun.

Weil die Provinz im Vergleich zu anderen Krisenregionen zuletzt ruhig schien, fordern Politiker bisweilen eine Reduzierung des deutschen Beitrags von derzeit rund 2500 Soldaten. Das deutsche Kabinett stimmte am Mittwoch allerdings für die Verlängerung des Bundeswehrmandats, das Parlament wird voraussichtlich kommende Woche zustimmen. Zwar liegen die letzten großen Unruhen drei Jahre zurück, und selbst in Gracanica, einem potenziellen Brennpunkt, könnte man nun acht Jahre nach dem Krieg so etwas wie Normalität feststellen – wäre da nicht das serbische Kloster aus dem 14. Jahrhundert, das eben nicht von Kosovo-Polizisten, sondern von schwedischen Kfor-Soldaten bewacht wird. Das sei eine „politische Entscheidung“, sagt der Leiter der Polizeiwache etwas verlegen. 16 000 Soldaten sowie tausende UN-Mitarbeiter, Polizisten und Berater sind allgegenwärtig auf dem kleinen Amselfeld.

Serbiens Premier Vojislav Kostunica dämpfte Hoffnungen, dass die am Mittwoch wieder aufgenommenen Verhandlungen über eine Annäherung zwischen der EU und Belgrad automatisch eine Lösung des Kosovo-Problems herbeiführen könnten. Kostunica forderte die EU auf, die territoriale Integrität Serbiens zu achten und zu wahren. Die EU müsse respektieren, „dass das Kosovo ein untrennbarer und integraler Bestandteil des serbischen Territoriums ist“.

Eigentlich sollte die nach Unabhängigkeit strebende serbische Provinz Kosovo nach dem Plan des UN-Sonderbeauftragten Ahtisaari allmählich in die Hände der Kosovaren übergeben werden. Doch auf Grund der Haltung Russlands, keinesfalls eine Resolution gegen den Willen Serbiens im UN-Sicherheitsrat durchzuwinken, ist der Status des Landes als UN-Protektorat auf unbestimmte Zeit verlängert – und der beruht auf UN-Resolution 1244, nach der Kosovo ein Teil Serbiens ist. Warnungen Belgrads, im Falle einer auch nur bedingten Unabhängigkeit drohe der endgültige Exodus der verbliebenen Serben, können so vorerst nicht dem Realitätstest unterzogen werden. Eher wird sich zeigen, was von der albanischen Mahnung zu halten ist, bei weiterer Verzögerung der Unabhängigkeit werde neue Gewalt die Folge sein.

Auch wenn letztlich alle Gruppen „dankbar sind, dass wir hier sind“, wie der deutsche Kfor-Kommandeur Roland Kather sagt, müsse jetzt rasch eine Lösung her. Schon weil die dauernde Unsicherheit die wirtschaftliche Entwicklung des bitterarmen Landes hemme. Die beiden Vorzeigepolizisten blocken so „politische“ Fragen ab, man sei „im Dienst“. Ihr Revierchef aber, ein Serbe, räumt ein, dass er die Wahlen zum Kosovoparlament boykottiere, „weil Kosovo ein Teil Serbiens ist“.

Draußen, auf den Straßen Gracanicas, wird das gelebt: Die Menschen in der Serben-Enklave hören Balkanpop auf Serbisch, zahlen in – jugoslawischen – Dinar, und hissen die serbische Flagge. In albanisch dominierten Orten wie der Provinzhauptstadt Pristina dagegen flattern überall rot-schwarze Albanerflaggen, wird in Euro gezahlt, und der Balkanpop dröhnt auf Albanisch aus den Boxen. Des Nachts verweigern albanische Taxifahrer die Fahrt nach Gracanica, und kaum ein Serbe aus der Enklave fährt umgekehrt an Wochenenden in die nahe Stadt, um das quirlige Nachtleben von Pristina zu erleben.

Selbst für die Vorzeigepolizisten ist der Multikultitraum vorbei, sobald die Uniform im Schrank hängt. Dann bleibt jeder der beiden nach Möglichkeit im eigenen – albanischen oder serbischen – Umfeld: „In Zivil ist das natürlich was anderes als in Uniform“, sagt Oliver Janser, Ausbilder an der Polizeischule des Kosovo. Im Kfor-Hauptquartier sagt Kommandeur Kather, man werde wohl bis „weit nach 2008 hinein“ bleiben müssen. Hinter vorgehaltener Hand ergänzen die Soldaten aber, tatsächlich handele es sich wohl eher um eine „Generationenaufgabe“.

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