Kosovo : "Wir warten schon hundert Jahre"

Hashim Thaci, künftiger Premier des Kosovo, zur Ausrufung der Unabhängigkeit, dem serbischen Norden der Provinz und Plänen zur Ankurbelung der Wirtschaft.

Thaci
Bald Premier des Kosovo? Hashim Thaci. -Foto: dpa

In Brüssel werden die Staats- und Regierungschef der EU heute auch über die Zukunft des Kosovo beraten. Was für ein Signal erwarten Sie von dem Gipfel?

Ich erwarte definitive Klarheit – und eine nachhaltige Einigkeit der EU, was die Unabhängigkeit des Kosovo angeht.

Hoffen Sie darauf und fordern Sie das?

Die Einigkeit der EU zur Unterstützung von Kosovo wurde mir bereits bestätigt. Und ich erwarte, dass diese Einigkeit ab Freitag offiziell und öffentlich wird.

Die EU könnte Sie um etwas mehr Zeit fragen – und Sie bitten, mit der Ausrufung der Unabhängigkeit bis nach den serbischen Präsidentschaftswahlen zu warten. Halten Sie das für eine gute Idee ?

Nun ist die Zeit für Entscheidungen gekommen. Kosovo ist vorbereitet auf die Unabhängigkeit. Es gibt keine weiteren Verhandlungen mehr. Kosovo verdient die Entscheidung der internationalen Gemeinschaft für die Unabhängigkeit. Wir warten schon 100 Jahre. Wir sind entschlossen, Kosovo als demokratischen, freien und neuen Staat aufzubauen. Es wird das Heimatland für all seine Bewohner sein. Wir sind entschlossen, die Rechte der Minderheiten, vor allem die der Serben, auf die bestmögliche Art zu schützen. Ich bin zu demokratischen Reformen in der Justiz, der Gesetzgebung und Wirtschaft entschlossen. Wir sind uns bewusst, dass wir keine isolierte Insel sind. Und wollen gutnachbarschaftliche Beziehungen mit allen Nachbarn – eingeschlossen Serbien. Kosovo wird eine Erfolgsgeschichte.

Aber was ist Ihr Zeitplan?

Kosovo kennt seinen Zeitplan. Und unser Zeitplan ist synchronisiert mit Washington und der EU. Die Ausrufung der Unabhängigkeit werden wir mit dem Westen koordinieren. Als Premier bevorzuge ich eine koordinierte statt einseitige Unabhängigkeitserklärung.

Ein Aspekt, der die internationale Gemeinschaft interessiert, ist die Zukunft des serbischen Norden des Kosovo. Wird die neue Regierung ihre Amtsgewalt dort gegenüber den Strukturen Serbiens durchsetzen?

Wir sind uns bewusst, dass die Situation im Norden problematisch ist. Aber die territoriale Integrität des Kosovo ist international anerkannt und respektiert. Ich werde mein Bestes tun, dass die internationalen und Kosovo-Institutionen die einzigen Behörden sein werden, die dort operieren werden.

Ein Ding, das Serben und Albaner im Kosovo gemeinsam haben, ist die schlechte Wirtschaftslage. Wie wollen Sie die ändern?

Meine wichtigste Priorität ist der Kampf gegen Korruption. Die zweite ist die Rechtssicherheit. Und wenn ich über Korruption spreche, schließe ich niemand aus – auch nicht Mitarbeiter der internationalen Behörden – bis hoch zu deren Spitzenbeamten.

Und was für Pläne haben Sie zur Ankurbelung der Wirtschaft?

Ich möchte den Schwerpunkt vor allem auf das Erziehungswesen und die Entwicklung der IT-Industrie setzen, das Straßennetz verbessern. Meine Vision von Kosovo ist das eines Silicon Valley von Südosteuropa. Klein- und Mittelbetriebe wurden bisher von der Regierung bestraft. Ich werde ein Partner von ihnen sein, sie unterstützen. Ich werde alles tun, um den Boden für Investitionen aus dem Ausland vorzubereiten. Ich bin sicher, dass ich die miserable Lage im Energiesektor ändern kann. Ich will Kosovo aus dem Dunkel ins Licht führen.

Ihr Wahlsieg im November fiel überzeugend aus. Die Wahlbeteiligung war aber sehr gering. Was ist dafür Ihre Erklärung?

Die Leute waren extrem enttäuscht von der gegenwärtigen Regierung. Und sie vertrauten meinen Plänen, die Lage zu ändern. Wir hatten eine positive Kampagne – und überzeugten die Leute. Die anderen Parteien entschuldigten ihr schlechtes Abschneiden danach mit dem schlechten Wetter. Aber es war nicht wärmer für meine Wähler.

Wann wird Ihre neue Regierung stehen?

In einigen Tagen. Wie die Koalition aussehen wird, habe ich noch nicht entschieden. Aber niemand mit schmutzigen Händen wird in mein Kabinett berufen. Es wird eine multiethnische Regierung. Ein Serbe wird Vizepremier sein. Und Frauen wollen wir natürlich auch in die Regierung berufen.

Das Gespräch führte Thomas Roser.

Hashim Thaci wird voraussichtlich der künftige Regierungschef des Kosovo. Der bisherige Oppositionsführer gewann mit der Demokratische Partei die Wahl im November.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben