Krankengeld : Kassen setzen Patienten unter Druck

Immer mehr Krankenversicherte suchen bei der Unabhängigen Patientenberatung Hilfe. Sie fühlen sich betrogen und unter Druck gesetzt. Zum Beispiel beim Krankengeld.

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Ausgeliefert. Viele Patienten fühlen sich zwischen Ärzten und Krankenkassen allein gelassen. Foto: dapd
Ausgeliefert. Viele Patienten fühlen sich zwischen Ärzten und Krankenkassen allein gelassen.Foto: dapd

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, hat heftige Kritik am Umgang von gesetzlichen Krankenkassen mit den Krankengeldansprüchen ihrer Versicherten geübt. Es sei „inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen“, wenn Patienten „durch regelmäßige Telefonanrufe oder sehr intime Fragen“ unter Druck gesetzt würden, sich möglichst schnell wieder arbeitsfähig zu melden, sagte der CDU-Politiker am Dienstag bei der Präsentation des Jahresberichts der Unabhängigen Patientenberatung Deutschlands (UPD). Man müsse jetzt herausfinden, ob hinter dem, was viele Krankengeld-Berechtigte beklagten, System stecke und wie solches Fehlverhalten abzustellen sei.

80 000 Beratungsgespräche

Von den gut 80 000 Beratungsgesprächen, die von der Patientenorganisation zwischen April 2013 und März 2014 geführt wurden, handelte mehr als jedes dritte von verweigerten oder infrage gestellten Kassenleistungen – und in den meisten Fällen ging es dabei um Krankengeld oder medizinische Rehabilitation. Die Anrufe der Sachbearbeiter gipfelten nicht selten in dem Appell an die Krankgeschriebenen, sich „doch mal zusammenzureißen“, berichtete eine Beraterin. Kassenmitarbeiter dürften aber, so stellte Laumann klar, „in keiner Weise Druck auf die Versicherten im Genesungsprozess ausüben“. Zur Überprüfung des Krankenbildes sei einzig der Medizinische Dienst berechtigt. Und der Spitzenverband der Kassen habe gefälligst dafür zu sorgen, dass sich alle Versicherer hier an Recht und Gesetz hielten.

Viele fühlen sich falsch beraten

Generell müssten die Versicherer ihre Mitglieder „besser, umfassender und manchmal auch früher“ über ihre Leistungsansprüche aufklären, sagte Laumann. Der UPD-Bilanz zufolge wurden Patienten in mehr als 5400 Fällen falsch oder unvollständig beraten. Allerdings trifft dieser Vorwurf auch die Mediziner. So beschwerten sich zahlreiche Versicherte darüber, dass sie in den Praxen ohne Aufklärung zu teilweise fragwürdigen Selbstzahlerleistungen genötigt worden seien – und andernfalls oft das Wartezimmer gar nicht hätten betreten dürfen. Solche Berichte hätten ihn „geschockt“, sagte Laumann. Es reiche auch nicht, die Aufklärung „an das Pflegepersonal weiterzudelegieren“ oder einfach schriftliche Informationsblätter zu verteilen. Damit müsse „schleunigst Schluss sein“, forderte der Beauftragte – und richtete diesen Appell insbesondere an Augenärzte und Orthopäden, von denen sich die Patienten in dieser Hinsicht am häufigsten über den Tisch gezogen fühlten.

Kein Einblick in die Patientenakte

Bei den Zahnärzten wiederum ärgern sich viele Versicherte darüber, dass die Kalkulationen in den Heil- und Kostenplänen oft zu niedrig angesetzt werden. Und besonderer „Handlungsbedarf“ besteht nach Laumanns Worten auch beim ärztlichen Umgang mit Patientenrechten. So werde „immer noch viel zu vielen“ trotz klarer gesetzlicher Vorschrift die Einsicht in ihre Patientenakte verwehrt.

Der Bericht hinterlasse einen „bitteren Nachgeschmack“, sagte UPD-Geschäftsführer Sebastian Schmidt-Kaehler. Die Patienten seien gehalten, immer stärker zu „Managern ihres eigenen Behandlungsprozesses“ zu werden. Gleichzeitig fühlten sich aber viele allein gelassen und betrogen.

Grüne: Sparmanöver "nicht hinnehmbar"

Das Patientenrechtegesetz reiche „hinten und vorne nicht“, sagte die Gesundheitsexpertin der Linken, Kathrin Vogler, es habe „seinen Namen kaum verdient“. Maria Klein-Schmeink (Grüne) nannte es „nicht hinnehmbar, wenn Krankenkassen zur Vermeidung von Zusatzbeiträgen versuchen, zu Lasten ihrer Versicherten zu sparen“. Der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen dagegen betonte, dass sich die meisten Versicherer beim Krankengeld korrekt verhielten. Gemessen an rund 1,77 Millionen Fällen pro Jahr sei die Problemzahl mit 1 355 Fällen „erfreulich niedrig“.

Die UPD berät Patienten bundesweit kostenfrei unter der Telefonnummer 0800/0117722. Gleichzeitig unterhält sie 21 regionale Beratungsstellen.

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