Politik : Krankenkassen: Ausgleich auch für "Risikofälle"

Carsten Germis

Die Krankenkassen sollen künftig in ihrem Risikostrukturausgleich Risikogruppen wie chronisch Kranke berücksichtigen. So lautet einer der Vorschläge der Forschergruppe, die im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums Reformvorschläge für den Risikostrukturausgleich machen soll. In ihrem Zwischenbericht, der an diesem Dienstag den Bundestagsfraktionen zugehen soll, stellen die Gutachter fest, dass der Ausgleich zwischen den Krankenkassen "dauerhaft erforderlich" ist, wenn Risikoselektion unattraktiv bleiben soll. Die Forschergruppe war mit ihrem Gutachten beauftragt worden, nachdem der Bundestag sich Ende vergangenen Jahres mit der Entwicklung befasste, dass der Wettbewerb zwischen den Kassen zunehmend dazu führte, dass einerseits so genannte "Yuppie"-Kassen Junge und Gesunde an sich banden und niedrige Beitragssätze anbieten konnten, während andererseits vor allem bei den AOK die "Risiken" verblieben. Diese Möglichkeit, günstigere Beiträge durch Risikoselektion zu erreichen, führte nach Ansicht der Wissenschaftler zu deutlichen Fehlanreizen im Wettbewerb, nämlich zum Wettbewerb um einkommensstarke, gesunde Versicherte.

Diese Entwicklung führe dazu, dass die Kassen starke Hemmungen hätten, sich auf ihre eigentliche Kernaufgabe, die Betreuung chronisch Kranker, einzulassen. Ein Beispiel ist die Diabetes-Behandlung, die in Deutschland schlechter ist als in anderen europäischen Ländern. Bietet eine Kasse Diabetikern eine gute Betreuung an, geht sie das Risiko ein, dass mehr dieser chronisch Kranken zu ihr wechseln. Das hätte aber höhere Ausgaben und damit Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Krankenkassen zur Folge.

Die Gutachter schlagen also vor, solche Risikogruppen durch Einführung einer "direkten Morbiditätsorientierung" im Risikostrukturausgleich künftig zu berücksichtigen. Bislang werden nur Merkmale wie Alter, Geschlecht, Erwerbs- und Berufsunfähigkeit angerechnet. Chronisch Kranke wären nach einer Reform im Sinne der Wissenschaftler keine hohen Risiken mehr, und die Kassen hätten Anreize, die tendenziell schlechte Versorgungsqualität zu verbessern. Die Forscher erwarten, dass so auch Wirtschaftlichkeitsreserven genutzt werden könnten. Die Einführung dieser direkten Morbiditätsorientierung bedürfe allerdings einer mehrjährigen Vorlaufzeit.

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