Krankenkassen-Report : Arzneimittelversorgung ist "besorgniserregend"

Demenzkranke werden mit Tabletten ruhig gestellt, Alkoholiker erhalten süchtig machende Schlafmittel. Ärzte sollen teils systematisch gefährdende Präparate verschreiben.

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Berlin - Altersverwirrte werden in Heimen mit Medikamenten ruhig gestellt, obwohl sich dadurch ihr Sterberisiko erhöht. Alkoholiker erhalten massenweise süchtig machende Schlafmittel, obwohl jeder Arzt wissen müsste, dass dies grundfalsch, gefährlich und oft sogar der Grund für einen Rückfall in die Alkoholabhängigkeit ist. Ein Schmerzmittel, das schon vor 20 Jahren wegen gefährlicher Nebenwirkungen in Verruf geraten ist, erlebt eine Renaissance. Und Frauen bekommen vorzugsweise moderne Antibabypillen verschrieben, die nicht nur teurer als die bisherigen Präparate sind, sondern bei gleicher Wirksamkeit auch ein mehr als doppelt so hohes Risiko für gefährlichen Gefäßverschluss bergen.

Vier besonders krasse Fälle von „Fehlversorgung“ im deutschen Gesundheitssystem, aufgelistet im neuen Arzneimittelreport der BarmerGEK. Der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske, der die Daten von rund neun Millionen Versicherten ausgewertet hat, nennt die Befunde „bestürzend“ und „besorgniserregend“. Es handle sich schließlich nicht nur um die Verschwendung von Geld, sondern auch um eine massive „Belastung und Gefährdung von Patienten“.

Beispiel Demenzkranke: Nach Glaeskes Befund erhalten sie sechsmal häufiger Beruhigungsmittel als Patienten ohne Demenz. Jeder dritte Altersverwirrte bekommt mindestens ein entsprechendes Rezept. Und je höher die Pflegestufe, desto mehr verabreichte Pillen. Dabei ist bekannt, dass die sogenannten Neuroleptika bei Altersverwirrten das Sterblichkeitsrisiko um das 1,6- bis 1,7-Fache erhöhen. Offenbar, so mutmaßt Glaeske, sei ein Grund auch darin zu suchen, dass es den Heimen an Pflegekräften fehle.

Ähnlich Beunruhigendes lasse sich konstatieren, wenn man sich die Zahl der mit Magensonden versorgten Heimbewohner ansehe – schließlich sei das einfacher, als die hinfälligen Menschen zu füttern. Es handle sich um „Entwicklungen, die mit Menschenwürde und angemessener Versorgung nicht in Einklang zu bringen“ seien, konstatiert der Experte. Studien zeigten, dass man den alten Menschen 20 bis 30 Prozent weniger Beruhigungsmittel geben könne, wenn die Pflege entsprechend sei. Indiziert seien Neuroleptika nur bei der Neigung zu Selbstgefährdung oder Gefährdung anderer, nicht aber zur Behandlung von Personalmangel.

Beispiel Alkoholkranke: Hunderttausende bekommen starke Schlafmittel verordnet, die ihnen das Risiko einer zusätzlichen Sucht bescheren. Von den Versicherten, denen Alkoholabhängigkeit diagnostiziert wurde, erhielten dem Report zufolge knapp 12 Prozent der Männer und mehr als 18 Prozent der Frauen sogenannte Benzodiazepine – oft schon im klinischen Alkoholentzug, mitunter auch danach. Dabei handle es sich um einen klassischen ärztlichen „Kunstfehler“, sagt Glaeske. Die Mittel seien wegen ihres eigenen Suchtpotenzials ebenso wie wegen der Verstärkung von Sturz- und Unfallgefahren, unter denen Alkoholkranke ohnehin schon litten, „das völlig falsche Mittel“. Als Alternative stünden Antidepressiva ohne Suchtpotenzial zur Verfügung.

Beispiel Schmerzmittel. Laut Arzneimittelreport erfuhr das umstrittene und in mehreren Ländern verbotene Schmerzmittel Novaminsulfon, auch bekannt als Novalgin und Metamizol, im Vergleich zum Vorjahr hierzulande eine Steigerung um 178 Prozent. Glaeske ist diese Renaissance unerklärlich. Schon in den 80er Jahren sei das Mittel wegen schwerer Nebenwirkungen wie etwa lebensbedrohlichen Schockzuständen in die Kritik geraten.

Er könne das Verordnungsverhalten der Ärzte in vielen Fällen nicht verstehen, sagt der Arzneimittelexperte. Möglicherweise habe ein Medizinerfunktionär ja recht mit seiner Klage, dass sich viele Ärzte nur ungern in Fachliteratur vertieften „und schon gar nicht in englischsprachige“. Dringend nötig sei es zudem, „endlich zu einer industrieunabhängigen Ärztefortbildung zu kommen“.

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